Zum kognitiven und gesellschaftlichen Funktionszusammenhang von Literatur und Angst
Bemerkungen aus psycholinguistisch-diskursanalytischer Perspektive
Von Friedemann Vogel; 07.12.2009
Vorbemerkung
Die folgenden Überlegungen entstanden in einigen Sitzungen des Heidelberger Graduiertenseminars zum Thema „Literatur und Angst" und stehen vor meinem Hintergrund eines pragma-semiotischen und psycholinguistischen Zugangs zu Literatur. Ich selbst verfüge nur rudimentäre Kenntnisse über die binnenwissenschaftlichen Disziplinen (i.S. Foucaults), den internen Regeln der Literaturwissenschaft -, womöglich ein Grund dafür, dass mich (wie viele Linguisten) häufig ein Befremden beschleicht beim Verfolgen literaturwissenschaftlichen Umgangs mit Texten. Da die Kommunikation zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft in der Regel immer viel zu kurz kommt (wenn sie überhaupt besteht?), möchte ich thesenartig einige Punkte in die Diskussion einbringen und hoffe, damit ein bisschen zum Austausch beizutragen.
Um die Rolle von „Angst" in der Literatur beurteilen zu können, möchte ich zunächst meine Perspektive auf das darlegen, was man gemeinhin „Literatur" bezeichnet. Literatur verstehe ich nicht als Abstraktum, Fiktionsmittel, kein Phänomen der dritten Art, sondern schlicht als Teil menschlicher Interaktion, genauer: sprachlicher Interaktion. Produktion wie Rezeption von Literatur sind, so behaupte ich in Anlehnung an text- und psycholinguistische Forschungen (Überblick bei Christmann & Groeben: 1996; Albert et al: 2007; Adamzik: 2004) prinzipiell den gleichen Regeln unterworfen, wie sonstige sprachliche Ausdrucksformen auch. Die dabei relevanten Faktoren sind 1) die Semiotik und Konstruktivität literarischer Texte, 2) ihre sozial-kommunikative Dimension sowie 3) ihre gesellschaftliche Dimension.
1) Zur Semiotik und kognitiven Konstruktivität literarischer Texte
Literatur in einem enger gefassten Sinne (also Bilder, Tonalität usw. ausgeklammert) besteht aus Texten. Texte sind komplexe sprachliche Zeichen, die wiederum aus einer Vielzahl kleinerer Zeichen zusammengesetzt ‚sind'. Ihre Zeichenhaftigkeit verweist bereits darauf, dass literarische Texte (so wie alle Texte) ‚an sich' keine Bedeutung, keinen „Inhalt" haben, vielmehr wird ihnen von Textproduzenten („AutorInnen") und Rezipienten („LeserInnen") Bedeutung zugeschrieben, i.e. in aktiven, konstruktiven Akten der Sinnherstellung (Hörmann: 1980) bzw. des sich-sinnvoll-Machens. Dieser Zusammenhang lässt sich an dem weithin bekannten Semiotischen Dreieck eindrücklich erläutern:
Texte bestehen aus unterschiedlichsten Ausdrücken und Ausdruckskomplexen (Wörter, Sätze, Textabschnitte usw.), denen nur deshalb Bedeutung zugeschrieben werden kann, weil wir über spezifische Wissensrahmen verfügen. Beim Lesen, genauer: bei der Wahrnehmung von sprachlichen Ausdrücken werden spezifische kognitive Wissensschemata (bzw. Konzepte, Frames, Scripts, Plans usw.; vgl. Minsky: 1975; Scherner: 2000; Bartlett: 1932; Rumelhart: 1975; Barsalou: 1992 u.a.) aktiviert, durch die erst Sachverhalte und Referenzobjekte in der Welt ‚hergestellt', konstruiert werden (kognitiver Prozess „buttom up"). Wissensschemata sind in Prädikationsketten (Frame-Slot-Value) hierarchisch und prototypisch organisiert. Prototypikalität bedeutet dabei, dass bestimmte Informationen auf Grund häufiger Aktivierung leichter erinnert werden können als andere. Der Spatz oder die Amsel etwa sind für den westlichen Kulturkreis tendenziell eher prototypisch als ein Pfau oder ein Strauß; folglich aktiviert das Wort Vogel tendenziell eher das „mentale Bild" (Mead: 131965) eines kleinen Tieres mit kurzem spitzen Schnabel, flugfähig usw. Entsprechendes gilt z.B. für das Konzept eines <Autos>:
Zugleich sind aber Wissensschemata bereits an der Erkennung von sprachlichen Mustern beteiligt (kognitiver Prozess „top-down"); was also perzeptiv ‚musterhaft' wahrgenommen wird, hängt von unserem (sprachlich-gestalterischen) Vorwissen ab. Wissen, heißt das, ist rezipientenabhängig und wird im Textleseprozess aktiv inferiert, also eingebracht (Pohl: 1997; Kindt: 1997). Anders wäre sonst gar nicht erklärbar, dass wir beim Lesen fortwährend Blicksprünge („Sakkaden"; Schäfer: 2005) vollziehen, viele Dinge nur grob überfliegen oder gar ausdrucksseitige Lücken schließen können (Ellipsen) und dennoch „verstehen", um was es geht. Kurz: Sprachliche Strukturen sind als erkannte Strukturen bereits Teil von Interpretationen. Durch sprachliche Zeichen erst lassen sich Dinge in der Welt (Sachverhalte, Personen, Objekte) mit kognitiven Systemen koppeln (so ähnlich schon Kant in der Kritik der reinen Vernunft in seiner Unterscheidung von Perzeption, Kategorien und „Ding an sich").
Durch Sprache werden Sachverhalte und Referenzobjekte folglich erst konstituiert, nämlich kognitiv simuliert und modelliert (sog. „mental images", „Mental models", „Situationsmodelle", usw.; vgl. Barsalou: 2009). Die Sprache ist dabei allerdings nicht ‚neutral', sondern sie „perspektiviert" in ihren komplexen Variationen die Sachverhalte auf unterschiedliche Art und Weise, hebt die oder jene „Aspekte" hervor oder akzentuiert einen bestimmten „Sehepunkt" (Blickpunkt; vgl. Köller: 2004).
Für die Interpretation von Literatur ergeben sich daraus verschiedene Probleme bzw. Herausforderungen; ich will nur einige herausgreifen: Genau genommen müssen Interpretatoren ihre Interpretationen (im Unterschied zu reinem intuitivem Verstehen; vgl. Hermanns: 2007) erklären und plausibel machen, auf welchen Prämissen, also Vorwissensannahmen ihre Interpretation von literarischen Texten beruhen. Sie sollten dabei nicht nur zwischen Raum und Zeit, Rezipient(en) und Emittent(en) differenzieren, sondern auch berücksichtigen, dass verschiedene Rezeptions- bzw. Lesemodi (Involviertes, ‚lustvolles' Lesen versus kritisches Lesen usw.; vgl. Artelt et al: 2007, 23) zu unterschiedlichen Ergebnissen führen (können).
2) Zur sozial kommunikativen Dimension von literarischen Texten
Literarische Texte sind als solche nicht nur sachverhaltskonstitutiv, sondern Teil sozialer Handlungen. Texte werden geschrieben, um sich gegenüber anderen Personen (einschl. der eigenen Person) zu verhalten: sie zu informieren, zu etwas aufzufordern, Emotionen auszudrücken usw. (vgl. Searle: 61994 und zuvor Bühler: 1934/1999, der bereits Ausdrucks-, Signal- und Symptomfunktion der Sprache unterschied). Sprachlichen Phänomenen kommt damit immer eine soziale Funktion in kommunikativen Kontexten zu. Kommunikation verstehe ich dabei nicht als eine strukturalistische Relation von Sender-Information/Code-Empfänger, sondern wiederum als aktiven Prozess - allerdings von Interaktanten - der Kontextualisierung und Disambiguierung von sprachlichen Handlungen. Das heißt (idealtypisch), dass Aktanten verschiedenste Kanäle der Perzeption (Mimik, Gestik, Intonation usw.) nutzen, um bestimmte, respektive schriftliche oder mündliche Sprache zu verstehen bzw. sinnvoll zu machen. Wörter werden also in Relation zu Sätzen gelesen, Sätze in Relation zu Texten, Texte werden in anderen Texten bzw. sprachlichen Einheiten verortet, die ‚Textwelt' an situative Kontexte (insb. Akteure und deren angenommenes Vorwissen) rückgebunden usw.
Kommunikatives Verstehen bedeutet damit ein Prozess der gegenseitigen Abstimmung von Wissensrahmen, ‚Weltsichten', Absichten usw. unter Aktanten durch sprachliche Akte (sozialkonstruktivistische Dimension; vgl. etwa Siebert: 2005). Konzepte werden hierfür in ihren Konfigurationen reorganisiert, Einstellungen, Meinungen, Emotionen (häufig implizit) überdacht' und neu bewertet (Hintergrund sind v.a. auch gruppendynamische bzw. sozialpsychologische Prozesse, die in der Psychologie unter dem Stichwort „Social Cognition" bearbeitet werden; vgl. einführend Aronson et al: 62008).
Im Hinblick auf die Interpretation von Literatur stellt sich also immer die Frage nach dem sozial-kommunikativen Interpretationshintergrund. Welche kognitiven ‚Welten' wurden zur Zeit des Autors oder einer „Epoche" bestimmter Rezipienten potentiell miteinander gekoppelt, welche Konzeptkonfigurationen reorganisiert, welche sprachlichen Handlungen (insb. auf Seiten des Autors im Hinblick auf direkte oder potentielle Adressaten) vollzogen?
3) Zur epistemisch-hegemonial-diskursiven Dimension von Literatur
Foucault (1973, 1974) lehrte, dass Wissen und Sprache nicht nur kognitive oder sozial-kommunikative Mikro- und Mesostrukturen bedingten, sondern dass sie elementar an der Konstitution von gesellschaftlichen Wissensarchiven und Machtsstrukturen beteiligt sind. Das Textuniversum (Derrida) ist nicht einfach eine lose Sammlung von Texten; es prädisponiert das Denken und Handeln von ganzen Gesellschaften im Aufbau und Erhalt von kollektiven Wissensrahmen (heute im Angesicht der Massenmedien einfacher nachvollziehbar als früher). Der „Wille zum Wissen" ist der „Wille zur Macht" wusste bereits Nietzsche (1930, 10): Foucault interessierten darauf die Konstitutionsbedingungen von kollektiven Wissens- und Machtbeständen - und fand sie in sprachlichen -, auch in literarischen „Diskursen". Foucault erkannte, dass mithilfe von Texten eigene individuelle Erfahrungen ersetzt werden konnten durch medial konstituierte Quasi-Erfahrungen, über sprachlich vermittelte Prädikationsketten („Es liegt ein Satz - und Diskurs - vor, wenn man zwischen zwei Dingen eine attributive Verbindung feststellt, wenn man sagt, dies ist jenes."; 1974, 133). Kollektive Wissensrahmen, bereits mit der Muttermilch sozialisiert und in Gruppen und Gesellschaften als kollektiv geteiltes kulturelles Gedächtnis (Assmann & Assmann: 1993, 113) verankert, manifestiert sich in sämtlichen sprachlichen (i.w.S., das heißt: auch Architektur, Musik usw.) Strukturen und bilden selbst wieder prägende Grundlage für kulturelles Wissen.
Gramsci (1990-2005) erkannte (noch ein paar Jahrzehnte vor Foucaults Gouvernementalitätsstudien), dass gesellschaftliche Machtstrukturen in der Moderne immer seltener durch direkte repressive Gewalt organisiert und durchgesetzt werden. Er entwickelte (auch auf Grund dreißigjähriger italienischer NS-Gefangenschaft) daraufhin mehr in kleinen Versatzstücken als in einer zusammenhängenden Theorie das Konzept der „Hegemonie" als „Prozeß, in dem [eine] dominante Gruppe ihre Interessen mit den allgemeinen Interessen anderer Gruppen und mit dem Staatsgefüge als ganzem koordiniert" (Hall: 1989, 71f.). Hegemoniale Herrschaft bedeutet folglich eine Herrschaft durch „Konsens", als Ergebnis eines Prozesses,
„in dem ein beträchtliches Maß an Zustimmung [!] im Volk gewonnen wurde. Sie ist also Zeichen für einen hohen grad an sozialer und moralischer Autorität, nicht nur bei ihren unmittelbaren Anhängern, sondern in der Gesellschaft als Ganzes. Diese Autorität und die Anzahl und Vielfältigkeit der Bereiche, in denen die [geistig-kulturelle, FV] ‚Führung' übernommen wird, ermöglicht einige Zeit lang die Ausbreitung eines intellektuellen, moralischen, politischen und ökonomischen kollektiven Willens in der ganzen Gesellschaft."
Hegemonie ist also nicht eine Herrschaft der physischen Gewalt, sondern eine Herrschaft der Kulturen, Denkmodi und daraus resultierend: Handlungsperspektiven (d.h. potentiell auch Widerstand) von gesellschaftlichen Individuen und soziale Gruppen (bei Foucault gibt es hierzu das Äquivalent der „Dispositive").
Bringt man Hegemonie- und Diskurstheorie zusammen, dann wird schnell klar, dass Literatur als Teil sprachlich-textueller Diskurse nicht nur kollektives Wissen, sondern auch gesellschaftliche Machtstrukturen mitkonstituiert. Literarische Texte, zumal als „klassische" Literatur stilisiert, kollektivieren Wissen und damit Vorannahmen über die Welt. Dass es dabei notwendiger Weise zu Konflikten kommt, liegt auf der Hand. Foucault und Gramsci ist maßgeblich die Einsicht zu verdanken, dass diese Konflikte um Wörter und Interpretationen mit Kämpfen um die Vorherrschaft von Wissensrahmen, Weltansichten und damit Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Vorteile von (sozialen) Interessengruppen korrespondieren.
- Dies zeigt sich schon bei der Frage danach, was „Literatur" oder allgemeiner: „Kunst" denn sei. Literatur und Kunst ‚an sich' gibt es genauso wenig wie es die Bedeutung ‚an sich' geben kann. Die Zuschreibung ausgewählter Texte und sprachlicher Formen mit der Eigenschaft des ‚Kunst-Seienden' ist nicht nur lediglich eine formale Angelegenheit. Kategorisierungen dieser Art sind vielmehr Ausdruck gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um das, was als Teil einer Welt des ‚Seienden' und ‚Realen' versus einer Welt der ‚Fiktionen', ‚Träume', schlichtweg allen ‚Irrealen' zu gelten hat. (Zu dieser Dimension in Medientexten vgl. Vogel: 2009)
Diese Kategorisierungsarbeit ist umso bedeutsamer, als man sich daran erinnern sollte, dass Wissen nicht um des Wissens, sondern um des Handelns Willens konstituiert wird (nicht umsonst geht man in der Forschung inzwischen davon aus, dass der Großteil unseres Wissens prozedural, also nicht-statisch in Form durch Alltagspraxen habitualisierten Ablaufswissens repräsentiert wird; vgl. Konerding: 2009, 85 sowie zu „embodied representation": Prinz & Barsalou: 2000). Wissen schafft Handlungsoptionen in verschiedenen Kontexten. Literarische Texte sind folglich - ungeachtet ihrer ‚Literarizität' - zumindest ein Medium, um Wissen und Handlungsperspektiven zu vermitteln. An vielen historischen Beispielen lässt sich nachweisen, dass in der Vergangenheit (nicht nur repressiver) Herrschaftsverhältnisse zunächst zwischen ‚politischen' und ‚künstlerisch-literarischen' Texten differenziert, die einen verboten, die anderen erlaubt, schließlich (wie im Faschismus) aber auch letztere gänzlich verboten wurden, um die Vermittlung alternativer Denkstrukturen zu unterbinden. (Dass durch letzteres das Gegenteil bewirkt wurde, bestätigt Gramscis Überlegungen.)
Bei der Interpretation von „Literatur" stellt sich damit also auch die Frage, auf welchem (womöglich unreflektierten) hegemonialen Boden sich die Interpretationen abspielen. Wer oder was definiert(e) den Text als literarischen, als der oder jener „Epoche" zugehörig, als „schöngeistige" oder als „politische" Literatur (so etwa die damalige Diskussion um I. Bachmanns Gedichte)? War oder ist der „literarische" Text womöglich in anderen zeitlichen, räumlichen und interpersonalen Kontexten anderweitig sozialfunktional perspektiviert (als Sachtext z.B.)? Welche Rolle spielt er schließlich im Hinblick auf die Konstitution sozialen und gesellschaftlichen Verhaltens innerhalb und außerhalb von Gruppen (in-group und out-group) und für einzelne Individuen (Identitätsstiftung, Abgrenzung, ‚Bewahrung' gemeinsamen Kulturgutes usw.)?
Vor dem Hintergrund dieser skizzenhaften Dimensionsbeschreibungen literarischer Texte möchte ich nun versuchen, Hypothesen zum Verhältnis von „Angst" und „Literatur" zu formulieren.
4) Literatur als Medium der kognitiven Rekontextualisierung von Angst
Angst verstehe ich zunächst als psychische Erfahrung emotionalen Leidens und der kognitiven Desorientierung. Das heißt, Angst ist Ausdruck von Nicht-Wissen oder besser: der Nicht-Kontextualisierbarkeit von bestimmten Erfahrungszusammenhängen, die zu kognitiver Dissonanz und daraufhin zu bestimmten körperlichen Reaktionen (die wiederum Angst auslösen) führt. „Nicht-Wissen" meint dabei nicht belegte Slots (Leerstellen) in unseren Wissensgefügen, die sich nicht unmittelbar durch eigene Erfahrungen bestimmen, geschweige denn einfach schließen lassen.
Beispiel: Todesangst. Über den Tod wissen wir „nichts", außer, dass er das Leben und damit die direkten Quellen für weltliche Sinn- und Kausalzusammenhänge begrenzt. Dieses Nicht-Wissen führte fortwährend zu Todesangst, der Angst vor dem Sterben, würden wir das Phänomen Tod nicht in bereits lebensweltlich erfahrbare Sinnzusammenhänge, das ‚Nicht-Konzept' <Tod> in existierende Konzeptkonfigurationen einbetteten: z.B. in biologische Wissensrahmen (man stirbt erst mit zunehmendem Alter), religiöse Konzepte (das Leben nach dem Tod), Konzepte der Risikovermeidung (Vorsicht bei der Straßenüberquerung) usw.
Dazu kommt, dass der Ausdruck, das Durchleben von Ängsten in unserem Kulturkreis gesellschaftlich sanktioniert bzw. auf ausgewählte kommunikative Räume beschränkt ist. Ängste sind m.E. stark individualisiert bzw. privatisiert (früher mehr denn heute), d.h. über Ängste spricht man nicht, man darf sie in der Öffentlichkeit nicht ‚ausleben' (ohne etwa psychiatrisch ‚sanktioniert' zu werden) - außer im engsten Familien- und Freundeskreis, im Arztzimmer u.ä.
Literatur könnte ebenso ein solcher kommunikativer Rahmen sein, in dem es gestattet ist, Ängste gesellschaftlich adäquat zu be- und verarbeiten, sie zugleich in als fiktiven Kontexten gekennzeichneten Perspektiven auf ‚die' Welt zu kontextualisieren. Aus der Perspektive des Produzenten (des Autors) literarischer Texte bedeutete dies dreierlei: er kann erstens eigene Ängste verarbeiten, ohne diese selbst zum (aus seiner Sicht!) Motiv zu machen. Er muss nicht über Panikattacken schreiben, kann aber - so hier die etwas zugespitzte These - Welten kreieren, in denen es den in dieser Welt gültigen Regeln nach keine Panikattacken gibt oder geben muss.
Der Produzent kann zweitens selbst real erfahrene oder beobachtete Symptome bzw. Emotionen motivisch zum Gegenstand seiner Betrachtung und literarischen Beschreibung machen. Hierbei steht ihm in der ‚Welt des Irrealen' die Freiheit zu, den Umgang mit diesen Ängsten fiktiv durchzuspielen, indem er Variablen und literarische Konstellationen variierend Handlungsoptionen simuliert. Er schafft sich damit sozusagen eine eigene Welt, um die Ängste konzeptuell zu (re)kontextualisieren, Desorientierung abzubauen bzw. berechenbarer zu machen. So entstehen vor dem inneren Auge (oder in einem Bildchen oder einer kleinen Geschichte) des vor Ungetümen schauernden Knaben er selbst als starker großer Ritter, der, mit Heldenkräften ausgestattet, das Ungetüm zu bezwingen weiß. Konzeptuelle (Re)kontextualisierung bedeutet hier also genauer nicht gänzliche Fiktion, sondern die kontrollierte Verknüpfung des Unbekannten, Angst Erzeugenden mit Bekanntem der eigenen oder stellvertretend erlernten Erfahrung (so kann der Ritter eine ‚Ableitung' anderer Märchenfiguren - oder auch schlicht des starken, allen Gefahren trotzenden Vaters sein). Dieses Moment zielt - aus der (räumlichen und zeitlichen beschränkten) Perspektive des Produzenten! - auf dasjenige, was Freud (1999, 58 u.a.) einmal „Sublimierung" bezeichnete, i.e. schöpferische Kanalisierung bzw. Verarbeitung von kognitiver Dissonanz.
Drittens kann der Produzent das Motiv ‚Angst' derart versprachlichen, dass es im Hinblick auf einen bestimmten Adressatenkreis emotiv nachvollzogen werden kann und soll. Der Rezipient ist aus Sicht des Autors dazu angehalten, die Gründe für bestimmte Ängste, seine emotionale und physische Symptomatik nachzuvollziehen und ebenso die vom Autor konstruierten erfolgreichen (oder auch erfolglosen) Verarbeitungsstrategien mitzudenken. Diese Form der Begegnung von Literatur und Angst im Hinblick auf ein Nachvollziehen des vom Autor Intendierten zielt m.E. weniger auf ein sublimierendes, als vielmehr auf ein empathisch-didaktisches Moment: Der Rezipient soll anstatt individueller Erfahrungen (d.h. ohne selbst von akuten Ängsten oder gar Traumata betroffen zu sein) die emotionalen, physikalischen und pragmatischen Erfahrungen anderer (z.B. literarischer fiktiver Figuren) erlernen und als potentiell eigene habitualisieren, konzeptuell sich zu eigen machen. Der Rezipient soll damit sein Handlungsrepertoire (Handlungswissen) erweitern und in der Lage sein, das, was er fiktiv bereits stellvertretend erfahren hat, in der Wirklichkeit auch umzusetzen.
Letzteres setzt allerdings zweierlei voraus: Erstens muss der Autor möglichst genau die zeitgenössische Wissensgrenze zwischen Unbekanntem (Angsterzeugendem) und Bekanntem kennen. Nur so kann er potentiell die Rezipienten an die Grenze dessen führen, was für sie nahbar bzw. unnahbar ist. Zweitens müssen die Rezipienten selbst die literarischen Fiktionen zwar als fiktive erkennen, sie jedoch dennoch mit der eigenen Erfahrungswelt in Verbindung bringen können. Kurz: Die Rezipienten müssen dem gleichen oder ähnlichen Kulturkreis, der gleichen Zeit und ähnlichen gesellschaftlichen Kreisen angehören wie der Textproduzent; sie müssen über ähnliche Wissensrahmen verfügen. Andernfalls ‚verstehen' sie das vom Autor intendierte Angstmotiv nicht als solches (oder es wird sehr unwahrscheinlich), sondern kontextualisieren es mit anderen Wissensbereichen. So etwa wenn wir aus heutiger Sicht ‚fatalistische' Situationsbeschreibungen nicht als angsterzeugend, sondern als „überzogen" oder „übertrieben" auffassen.
Was hier zuvor aus der Sicht des Produzenten und seinen (möglichen) Intentionen gesagt wurde, trifft in Teilen auch für die Perspektive der (möglicherweise über Jahrhunderte später lebenden) Rezipienten zu. Hier spielt die Intention des Autors möglicherweise (ich würde behaupten: in der Mehrzahl der Fälle) überhaupt keine Rolle. Entscheidend ist vielmehr, dass die Rezipienten selbst und aktiver den literarischen Text als Mittel zur Sublimierung eigener Ängste heranziehen (können). Dies können sie etwa dadurch, dass sie individuelle Ängste ins Verhältnis setzen mit den fiktiv konstituierten Ängsten. Im Grunde aber muss ein Text emittentenseitig nicht im Geringsten das Motiv der Angst ‚beinhalten'. Es reicht völlig aus, dass der Rezipient auf Grund seiner individuellen Wissensrahmen die literarisch-fiktiven Welten selbst als Unbekanntes, aber potentiell mit der erfahrbaren Welt verknüpfbares Element konstituiert. Er empfindet dann also Angst, weil er durch die literarische Textgrundlage konzeptuell aktiviert an die Grenzen seines Wissens über die Welt, d.h. des Ich, des Nahbaren und des handlungsbezogen Kontrollierbaren herangeführt wird (bzw. er führt sich, sicher ohne es zu wollen, heran). Literatur kann folglich Angst auslösen, wenn sie Desorientierung ‚schafft', also Motive wählt bzw. vom Rezipienten zugeschrieben bekommt, die den Rezipienten in seiner Wirklichkeitswahrnehmung verunsichern.
5) Angst als universale Erfahrung und damit epistemisch-hegemonialer Hebel in literarischen Diskursen
Schließlich lässt sich m.E. noch eine weitere grundlegende Funktion von „Angst" als besonderes literarisches Element (also emittenten- wie rezipientenseitig) daraus ableiten, dass sie als grundlegende Erfahrung der Desorientierung bzw. Dissoziation von Subjekt und (Um-)Welt einem jeden Menschen bekannt ist. Angst, behaupte ich, ist der Hebel schlechthin, um kognitive Schemata zu irritieren und zu Rekonfigurationsprozessen anzuregen. Ängste bestimmen nicht unser Leben, aber sie geben uns immer wieder implizit oder explizit Anlass, über unser Denken und Handeln zu reflektieren. Literarische Texte, die Angst evozieren (ob mittels Motiv oder ohne, ob emittentenseitig intendiert oder rezipientenseitig induziert), schaffen potentiell und (idealiter) für eine begrenzte Zeit eine kognitive Instabilität, in denen ‚Wahrheit' und ‚Fiktion', ‚Wirklichkeit' und ‚Utopie' ihre harten, diskursiv-epistemisch geprägten Grenzen aufgeben müssen. In diesem Moment können Konzepte und Handlungsoptionen, die ansonsten für unmöglich gehalten würden, plötzlich ein Moment des Möglichen annehmen und umgekehrt. Das Verhältnis von Angst und Literatur könnte - das wäre zu prüfen und zu diskutieren - ein paradigmatisches Schlachtfeld für diskursive Auseinandersetzungen (semantischer Kämpfe; vgl. Felder: 2006) aller Art sein, in denen es darum geht, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu verschieben: zu Gunsten der Schöpfung neuer Konzepte und Handlungsoptionen gegenüber einer nun anders wahrgenommenen, anders perspektivierten Lebenswelt.
Literatur an sich - insb. in Verbindung mit dem sozialen Phänomen der Angst - könnte damit so etwas wie eine kognitiv-diskursive Funktion revolutionärer Sprengkraft (vom lat. revolutio, Zurückwälzen, Umdrehung) zukommen, der ein (mir in diesem Moment nicht auflösbares) Paradoxon innezuwohnen scheint: Denn interessant ist dabei, dass „Literatur" als Medium des tendenziell als der Welt des Fiktiven Zugeordneten eine Verschiebung seiner eigenen Konstitutionsbedingungen hervorbringt. In der Verschiebung der Grenze zwischen konzeptuell ‚Fiktivem' zu konzeptuell ‚Wirklichem' hebt „Literatur" ihr literarisches Moment zumindest in kognitiver Hinsicht dialektisch durch eben diese ihre Literarizität auf!
Abschließende Bemerkungen
Ich habe versucht, ein paar Gedanken aus psycholinguistischer und diskursanalytischer Perspektive zusammenzutragen im Hinblick auf den funktionalen Zusammenhang von Literatur und Angst. Inwieweit diese Gedanken der Diskussion dienlich sein mögen, bleibt offen. Viele Fragen konnten nur angeschnitten werden, eine empirische Prüfung der Thesen steht aus.
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