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Aktiv/Passiv-Konstruktionen - oder: Wo sind Autor und Akteure?


Liest du noch oder urteilst du schon?
(Folge 4)

Die Sprache ist die Grundlage unserer medialen Kommunikation: sie vermittelt uns Informationen über Ereignisse in der Welt, auf die wir selbst keinen unmittelbaren Zugriff haben. Diese Mittler-Position von (Medien-)Sprache ist aber zugleich ein Problem. Die erste Folge (UNiMUT 01/08) zeigte allgemein, dass Medien nicht einfach „objektiv" berichten, sondern Sachverhalte sprachlich perspektivieren. Die zweite Folge (UNiMUT 02/08) exemplifizierte diese Perspektivierungsleistung anhand unseres Umgangs mit prototypischen Textsorten und Rubriken in Zeitungsmedien. Die dritte Folge (UNiMUT 03/08) befasste sich mit der sprachlichen Konstitution von Geltungsansprüchen in Medientexten. In dieser Folge geht es um die kommunikative Funktion des Passivs.

Das Stichwort „Genus verbi" dürften die meisten LeserInnen im ersten Moment nicht unbedingt mit Medienkritik oder gar Erkenntniskritik assoziieren. Was können Aktiv und Passiv, was kann diese trockene Lehre vom grammatischen Geschlecht des Verbs schon zur Urteilsbildung beitragen!? - Eine ganze Menge. Folgende Beispiele:

(a)     Die Jugendlichen schossen auf die Polizei mit Gummigeschossen. Die Jugendlichen verletzten einen Polizisten.

(b)     Die Polizisten wurden beschossen. Ein Polizist ist angeschossen.

2005 zündeten französische Jugendliche die Autos ihrer Nachbarn an und lieferten sich heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Nehmen wir an, wir seien als Redakteur auf Seiten der Jugendlichen und verurteilten das brutale Vorgehen der französischen Polizei. Die Meldung, Jugendliche hätten auf Polizisten geschossen, befremdet uns. Es kommt die Frage: Wie können wir das Ereignis in einem Bericht beschreiben, ohne dabei die Jugendlichen zu sehr als ‚bloße' Gewalttäter zu konstituieren? - Sicherlich würden wir nicht einen Satz schreiben wie (a). Denn damit legten wir den Fokus der Sachverhaltsbeschreibung genau auf die Handlung und die Handlungsträger: Jugendliche Subjekte in Aktion, gegen ihre (Ziel-)Objekte agierend. Vielmehr böte sich eine Beschreibung im Passiv an, wie in (b). Damit könnten wir sowohl das konkrete Ereignis weitergeben (beschossene Polizisten), also auch die Jugendlichen nicht zu sehr als „Täter" in den Vordergrund rücken. Im Gegenteil: Die Passiv-Konstruktion erlaubte uns sogar, die ursprünglichen Akteure komplett auszublenden und rein auf das Handlungsresultat zu fokussieren. Wir betonten damit, was das Ergebnis des Ereignisses war, nicht wer das Ereignis ‚herbeigeführt' hat.

Formaler gesagt: Mit Beschreibungen im Aktiv können wir mehr Details zum Sachverhaltsablauf und zu seinen Akteuren vermitteln; mit Passiv-Konstruktionen vermögen wir dagegen den Sachverhalt von seinen Akteuren zu abstrahieren oder auf ein Objekt zu fokussieren. Das Maximum an Abstraktion erreicht das Genus verbi im sog. Zustandspassiv (ist angeschossen): jeglicher Prozesscharakter wird eliminiert.

Ähnlich verhält es sich mit quasi-passivischen Formen: Als die beiden Jugendlichen in Clichy sous Bois ums Leben kamen (Auslöser der sog. „Unruhen" 2005), stellte sich die Frage, ob die Polizisten, die zum Zeitpunkt des Geschehens zugegen waren, eine Mitschuld träfe: Neues Deutschland und Süddeutsche Zeitung waren offensichtlich unterschiedlicher Meinung:

(c)     ND: [Polizeibeamte] wollten [...] eine Gruppe von Jugendlichen [...] kontrollieren und gingen dabei so brutal vor, dass die späteren Unfallopfer panikartig flüchteten

(d)     SZ: [Es sei unklar] warum die drei Jugendlichen Hals über Kopf davongestürmt sind [...,] als eine Polizeistreife auftauchte

Die Süddeutsche Zeitung postuliert hier, dass die Polizei als Grund für eine Flucht und damit für den Tod der beiden Jugendlichen nicht in Frage käme. Der Handlungsakzent liegt eindeutig auf den davonstürmenden Jugendlichen, während die Polizei - gleich einem arglosen Fisch aus seinem Wasser - auftauchte.

Abstraktionspotential als quasi-passivische Formen (das heißt, stärker Objekt bzw. resultativ akzentuierende Formen) haben schließlich auch reflexivische Konstruktionen (die Gewalt lässt sich verhindern), Univerbierungen (Die Verhinderung von Gewalt) oder man-Konstruktionen (man sollte die Gewalt verhindern). Mit diesen Passivierungsformen lassen sich zugleich auch Autorintentionen verdecken -, die Sachverhaltsbeschreibung erscheint aus dem Nichts, quasi ohne Autorperspektive. - Eine Funktion, die nicht nur in Medientexten (z.B. Berichten) gerne Anwendung findet, sondern sich besonders auch in wissenschaftlichen Texten unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen „Objektivität" hartnäckig behaupten kann: Ich-Formen gehören sich nicht. Ein guter Wissenschaftler vermag die Subjektivität seiner „Erkenntnis" im Text fleißig zu verstecken. (fv)