Diese Seite drucken

Von Textsorten und Rubriken


Liest du noch oder urteilst du schon?
(Folge 2)

Die Sprache ist die Grundlage unserer medialen Kommunikation: sie vermittelt uns Informationen über Ereignisse in der Welt, auf die wir selbst keinen unmittelbaren Zugriff haben. Diese Mittler-Position von (Medien-)Sprache ist aber zugleich ein Problem. Die erste Folge (UNiMUT 01/08) zeigte allgemein, dass Medien nicht einfach „objektiv“ berichten, sondern Sachverhalte sprachlich perspektivieren. In dieser Folge und den kommenden Folgen geht es um die globalen und feinen, von uns Lesern meist ausgeblendeten Raster dieser Perspektivierungsleistung.

Mediale Perspektivierung von Sachverhalten vollzieht sich nicht nur einfach in der Aus- und Abwahl bestimmter Inhalte, sondern bereits „vor“ den Inhalten. Texte und Bilder zu 09/11 sind nicht nur Bilder „mit“ 09/11, sie stehen immer in sprachlichen Mustern. Diese Kommunikationsmuster sind – wiederum durch die Medien – bei uns Lesern bereits prototypisch in unserem Gedächtnis vorgeprägt. Von klein auf erlernen wir den Unterschied von „objektiven“ Berichten oder Meldungen und „subjektive(re)n“ Kommentaren, Glossen oder Kritiken. Auch wissen wir, dass auf der ersten Seite einer Zeitung wie der Süddeutschen oder auf der Politik-Seite der WELT in der Regel keine Kunstbesprechungen zu finden sind -, es sei denn es handelt sich um eine politisch brisante Veranstaltung in China o.ä. Künstlerische Inhalte, die wir eher der subjektiven Seite zuschlagen, gehören gewöhnlich in den Feuilleton oder in die Literarische Welt. – Einerseits erleichtert uns dieses Vorwissen von Textsorten und Rubriken das Lesen. Es orientiert uns nicht nur innerhalb des Mediums, sondern aktiviert bestimmte kognitive Konzepte und stellt sie für den aktiven assoziativen Leseprozess zur Verfügung. Andererseits jedoch schiebt sich dieses Vorwissen wie eine getönte Linse vor „die“ Inhalte. Denn mit der Aktivierung von bestimmten Konzepten geht auch die Nicht-Aktivierung von alternativen Konzepten einher. Wer erwartet schon Gedichte zur Lösung der „aktuellen Weltprobleme“ auf Seite eins? Entsprechend dieses Vorwissens und dieser Voraktivierung passen wir fortwährend unsere Rezeptionshaltung an die jeweilige Text- und Bildgrundlage an: wir nehmen die Inhalte von Berichten und Meldungen auf den ersten Seiten automatisch mit einem höheren Geltungsanspruch (Faktizitätsanspruch) wahr als etwa die Inhalte eines Kommentars oder eines Essays auf den hinteren Seiten.

Richtig problematisch wird es allerdings erst dann, wenn wir bestimmte Inhalte (d.h. kognitive Konzepte in unserem Kopf) nur noch in bestimmten Kommunikationsmustern wahrnehmen (d.h. aktivieren) können. Wenn zum Beispiel Konzepte von sozialem Widerstand auf der Straße (wie in den Vorstädten von Paris) positiv nur noch in „künstlerischen“ Texten, Bildern und Liedern (das heißt vor allem als ‚fiktive’ und ‚utopische’ Inhalte markiert) zum Ausdruck gebracht werden können –, verlieren wir dann die Fähigkeit, diese Konzepte außerhalb „künstlerischer“ Kommunikationsmuster zu denken und entsprechend zu handeln? Neuere Untersuchungen weisen in diese Richtung.
Nichts desto trotz sind wir natürlich in der Lage, kulturell eingeschliffene, das heißt sozialisierte Kommunikationsmuster kritisch zu reflektieren und damit unsere prototypischen Wahrnehmungsprozesse auf einen neuen Stand zu bringen: Medienkritik als Erkenntniskritik. (fv)