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Bildungsstreik 2009 - Warum Lernende und Lehrende auf die Barrikaden ziehen sollten


Im vergangenen Jahr diskutierten eine überschaubare Gruppe aus Studierenden und Lehrenden auf der Herbsttagung des Heidelberger Forums für kritische Theorie und Wissenschaft  die aktuelle Situation an Schulen und Hochschulen, über Bildungskonzepte und darüber, was eine demokratische Bildung sein könnte.

Seitdem ist die Zahl derer, die ihre Unzufriedenheit am Bildungssystem nicht mehr schlucken, sondern offen problematisieren wollen, stark gewachsen. Derzeit bereiten Studierende und Lehrende, Schülerinnen und Schüler sowie Arbeitnehmervertretungen bundesweit den Bildungsstreik 2009 vor. An inzwischen über 100 Universitäten und Schulen arbeiten sie in unzähligen Arbeitsgruppen an Protestformen, Demonstrationen und Informationsveranstaltungen für den Juni diesen Jahres, aber auch an nachhaltigen alternativen Konzepten, wie ihre Bildung in Zukunft aussehen könnte und sollte.

Die Kritik der Lernenden am derzeitigen Bildungssystem kann in drei elementaren Punkten zusammengefasst werden:

Elite versus Masse


Zum ersten wird moniert: Beschränkter Zugang zu Bildung durch soziale Selektion und Ausgrenzung sozial Schwächerer: Bereits in der Grundschule, so zeigen Forschungen (z.B. IGLU: 2006), entscheidet der soziale Status des Elternhauses darüber, ob ein Kind das Gymnasium besuchen kann und darf, oder in Real- oder gar Hauptschule abgeschoben wird. Ja, während der ganzen Schulzeit prädeterminiert die soziale Herkunft eines Kindes seinen Zugang zu Wissen und sozialer Integration, ob in Form von Büchern, Nachhilfe, kulturellen Veranstaltungen oder Landschulaufenthalten. Dieser Zustand währt schon länger (Knobloch: 2006; Lohmann: 2006 u.a.). Neueren Datums ist der politisch entschiedene Rückzug des Staates aus der öffentlichen Finanzierung seiner Bildungseinrichtungen, insbesondere der Hochschulen, sowie zugleich die Einführung von Studiengebühren. Damit wurde nachweislich (HIS: 2008; Hartmann: 2006) eine weitere Hürde geschaffen für jene, die es nicht wagen, hoch verschuldet in ein – zudem perspektivisch völlig unsicheres Berufsleben zu starten. In Folge verschärft sich derzeit die Schere zwischen einer immer kleiner werdenden sozialen Bildungselite und einer breiten ‚Masse’ der Bevölkerung, der faktisch das Menschenrecht auf kognitive und gesellschaftliche Weiterentwicklung aberkannt wird.

Bildung wird zu Markte getragen.

Das Prinzip der sozialen Ausgrenzung großer Bevölkerungsteile vom Zugang zu Wissen und Ausbildung (vgl. Hartmann: 2002, 2004) steht jedoch nicht allein für sich. Es geht einher mit dem Maßstab einer unbedingten Wettbewerbs- und Verwertungslogik, an dem alles menschliche Handeln und insbesondere auch Bildung zu messen seien. In diesem Rahmen muss Bildung „effizient“ sein, sie muss verkaufbar sein, soll sie irgendeine Existenzberechtigung haben.

Dem entsprechend wird Bildung – gerade auch in der aktuellen Umsetzung der BA/MA-Studiengänge – reduziert auf die Vermittlung von einzelnen Fertigkeiten. Ob acht Jahre an den Gymnasien oder sechs Semester an den Hochschulen: Lehr- und Studienpläne sind an Zeit und Inhalten mittlerweile derart gepresst, dass kein Raum bleibt für die Entwicklung individueller Interessen, eigener Fähigkeiten oder gar gesellschaftliches Engagement (und damit soziale Kompetenzen). Seminare, seit jeher die einzig verbliebenen Orte, um kontroverse Diskussionen und diskursives Denken zu üben, sind überfüllt, machen eine „Teilnahme“ (und das heißt „Interesse“ im Lateinischen) unmöglich. Auch viele Dozierenden – wenn nicht bereits wegrationalisiert – haben dem bisher wenig entgegengesetzt: sie sind teilweise stark überlastet, unterbezahlt und daher (verständlicher Weise) gering motiviert. Und aus der Not wird keine Tugend: Die große Zahl an Lernenden und Prüfungen führt zu weiteren verwaltungsrechtlichen Regelungen, zur Deindividualisierung des einzelnen Lernenden, zur ökonomisch-bürokratischen Ausrichtung aller Lernstrukturen.

Der einzige Weg, heute als lernendes oder forschendes Individuum aus der Masse der Zahlen und Regeln hervorzutreten, ist die „Durchsetzung im Wettbewerb“. Nur „die Besten“, die „Exzellenten“ schaffen den Durchbruch. Was „das Beste“ und das „Exzellente“ jedoch ist, bestimmen heute mehr denn je nicht-wissenschaftliche Einrichtungen: nämlich wirtschaftliche, gewinnorientierte Interessengruppen (CHE, Rankings, Unternehmen u.ä.; vgl. Bultmann & Wernicke: 2008; Narr: 2008, 2009 u.a.). Die Bedienung wirtschaftlicher Interessen wird im Gegenzug – und zugleich passend zum Rückzug der staatlichen Finanzierung – mit Forschungsgeldern, so genannten Drittmitteln belohnt.

Kurz: die Entwicklung und staatliche Förderung von individueller Kreativität und kritisch-reflektiertem Urteilsvermögen wurde und wird derzeit ersetzt durch eine am wirtschaftlichen Markt orientierte Trichterdidaktik des schnellen Abspeicherns und Abrufens; an Stelle der (sog.) Freiheit von Lehre und Forschung trat und tritt nunmehr wirtschaftliche Abhängigkeit.

Lernende Lehrende sind nicht (mehr) das Potential gesellschaftlicher Innovation, sondern nur noch zahlende Wirtschaftsobjekte auf der einen Seite, und dienst-leistende Wirtschaftssubjekte im immerwährenden Konkurrenzkampf auf der anderen Seite.

Bildung und Demokratie

Doch mangelhafte Bildung ist nicht nur eine Gefahr für den vielbeschworenen Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern – und dies ist der dritte, m.E. entscheidende Punkt der Kritik – auch für die Grundlage unserer Republik seit 1949: unsere verfasste Demokratie. Denn das Funktionieren demokratischer Strukturen setzt Mitmenschen voraus, die demokratisch zu denken gelernt haben. Hierzu gehört nicht nur die grobe Kenntnis eigener verfasster Rechte und Pflichten, sondern vor allem die Fähigkeit, gesellschaftliche Prozesse immer von Neuem auf ihre Hintergründe zu befragen.

Die Fähigkeit zu Fragen – so wussten schon die Griechen – ist die Voraussetzung dafür, Alternativen denkend zu entwickeln. Fragen zu können bedeutet, an etwas Interesse zu haben, (lat.) „zwischen-etwas-zu-sein“, Probleme erkennen und Lösungsansätze entwickeln zu können. Es ist die Bedingung dafür, sich eigenständig neue Sach- und Wissensgebiete anzueignen, Wissensspuren zu folgen, sie zu erforschen und daraus erneut wundernd Fragen zu generieren. Bildung in diesem Sinne ist „demokratische“, auf die Förderung von kritischer Urteilsfähigkeit (im kantschen Sinne) gerichtete Bildung. Ohne Bildung in diesem Sinne ist es nicht möglich, demokratische Regeln zu üben, d.h. eigene Interessen und Bedürfnisse formulieren und gegenüber anderen vertreten zu können; ist es nicht möglich, gesellschaftliche Konflikte zu erkennen, geschweige denn mit friedlichen Mitteln zu lösen.

Demokratie und freie Bildung, heißt das, sind zwei Seiten derselben Medaille. Zermürbt man die eine, geht auch die andere verloren. Lernende und Lehrende kritisieren, dass wir uns derzeit genau auf diesem Wege befinden. Nicht nur die mangelnde oder gänzlich fehlende Möglichkeit, die eigene Lernumgebung aktiv und durch verfasste Mitbestimmungsrechte gestalten zu können, ist ein Symptom dafür. Inzwischen wird ganz offen Bildung und Mauerwerk verwechselt –, wie etwa an der Neuen Universität Heidelberg, an der vom „lebendigen Geist“ nicht viel mehr übrig geblieben als das Ziel, sie zu „renovieren“ und „mit Beamern“ ausstatten zu wollen (PM vom 21.01.2009).

Demokratische Bildung!

Vor diesem Hintergrund fordern die Lernenden im Rahmen des Bildungsstreiks 2009 dazu auf, endlich tätig zu werden! Sie fordern von den verantwortlichen politischen Akteuren, Bildung als ein für unsere Gesellschaft essentielles Bürger- und Menschenrecht ernst zu nehmen. (Aus-)Bildung gleich welcher Form muss frei sein: Selbstbestimmt und individuelle Urteilsfähigkeit stärkend, demokratisch-partizipativ organisiert und kostenfrei! Dafür gehen wir auf die Straße.

Lehrende auf die Barrikaden?

Es bleibt die Frage, wie die Lehrenden zur Kritik der Lernenden stehen. Denn: Wer kennt sie nicht, die obligatorischen 10 Minuten Bachelor-Bashing zu Beginn einer jeden Lehrveranstaltung? Die teilweise Bemitleidung der BA-Studierenden, teilweise offenkundige Ablehnung? Den wiederkehrenden Aufruf, die Studierenden mögen gegen den „bildungspolitischen Unfug“ etwas unternehmen? – Oder, schlimmer, keine Klage mehr, weil man sich inzwischen eingerichtet und die Probleme untergeordneten Angestellten weitergegeben hat? Doch: Warum verweilen sie und gehen nicht selbst auf die Barrikaden? Wie stehen Sie zur Umsetzung des Bologna-Prozesses, zur Verschulung der Seminare, zum Spießrutenlauf durch die Prüfungen, zur Verwertungslogik? – Wo soll es die nächsten Jahre hingehen? Was sind Perspektiven für eine emanzipatorische, partizipative, für eine zukunftsfähige Bildung und Gesellschaft?

Darüber sollten Lernende und Lehrende gemeinsam diskutieren. Sie deutlich machen, dass es mit der Rettung der Wirtschaft derzeit nicht genug ist. Ohne einen nachhaltigen Aufbau grundständiger Bildung von der Wiege bis zur Bahre kann es weder einen wirtschaftlichen Aufbau, noch eine Demokratie und damit auf Konflikte gleich welcher Art vorbereitete Gesellschaft geben.

Friedemann Vogel; Heidelberg, 22.04.2009