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"Die Wut jedoch kann man nachfühlen"


Medienberichterstattung im Vorfeld des Bildungsstreiks 2009

Die Initiativen zum Bildungsstreik 2009 sind unlängst in den Medien angekommen: die Berichterstattung (etwa 60 Artikel in regionalen und überregionalen Medien, daneben zahlreichen Radiosendungen) lässt sich dabei wie folgt zusammenfassen:

  1. In den Medien nimmt das EREIGNIS insgesamt immer konkretere Züge an. Vor allem in links orientierten Medien wird das Substantiv (der Bildungsstreik) nicht mehr paraphrasiert, was auf einen hohen Bekanntheitsgrad des damit verbundenen Sachverhalts bei entsprechenden Medienakteuren (und mutmaßlich Rezipienten) schließen lässt.

  2. Die Medien konstituieren ein breites AKTEURS-Feld und setzen damit eine hohe gesellschaftliche Relevanz für viele (auch Un-) Beteiligte voraus: Jugendliche Studierende, Studenten, Schüler, SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen, ErzieherInnen, Gewerkschaften usw.

  3. Ungeachtet dessen werden konkrete Vorbereitungen immer wieder spezifischen, dabei aber nicht gleichen Individuen oder „führenden" Gruppen (Orgateam, Leitungsgremium; Namentliche Nennungen verbunden mit Amtsbezeichnungen usw.) zugeordnet. Diese Personalisierung und Gruppenspezifizierung der AKTEURE ist üblich und typisch für die aktuelle journalistische Praxis. Der für Bildungsstreikakteure zentrale Punkt einer dezentralen, hierarchieniedrigen Organisation wird hierdurch jedoch verwischt bzw. gelangt bislang nicht in die Medienberichterstattung.

  4. Das HANDELN der Akteure wird ebenso überwiegend individualistisch konstituiert. Damit wird der Sachverhalt des Bildungsstreiks nicht als allgemeines gesellschaftliches Phänomen beschrieben, sondern stärker lokal bzw. domänenspezifisch (Bildungskontexte) eingrenzt.

  5. Insgesamt lässt sich eine durchweg positive Bewertung des BILDUNGSSTREIKS in den Medien feststellen. Sowohl konservative als auch links orientierte Medien konstitutieren das Ereignis positiv konnotierend (etwa in Substantiven wie Protest, Aktionen, Aufruf), was auf eine breite Zustimmung zu den Ereignissen nicht nur im akademischen Rezipientenkreis schließen lässt. Dies zeigt sich insbesondere auch in der Berichterstattung zu einem ‚Aufeinandertreffen' von Bildungsstreik-AKTEUREN und der POLIZEI in Berlin: Die Polizeiaktion wird als inadäquat konstituiert (argumentativ wirksame Zitat-Einbettung und dezente Skepsis-Signale durch Wahl des Konj. II bei der Zitierung der Polizei): Laut Polizei handelte es sich um eine unangemeldete Versammlung von rund 20 Personen. Die Beamten hätten Platzverweise erteilt. Zwei Männer hätten Sturmhauben gehabt. [...] "Die Begründung, es sei eine unangemeldete Versammlung gewesen, ist absurd", so Köhn. "Situationen wie diese erwartet man eigentlich in südamerikanischen Polizeistaaten." (Berliner Zeitung) // Wer sich im Café verabredet, sollte das vorher bei der Polizei anmelden. (taz)

  6. Nicht zuletzt wird auch bei gemäßigt konservativen Zeitungen (FAZ, Stuttgarter Zeitung u.a.) der Sachverhalt des Bildungsstreiks mit der Debatte um den Bologna-Prozess sowie mit der Wirtschaftskrise verknüpft und explizit Position zugunsten des Bildungsstreiks bezogen:

    wollen einige studentische Initiatoren in Berlin Mahnbriefe an den Bundesfinanzminister und an Banken vorstellen. Sie fordern "ein umfangreiches Rettungspaket für das marode Bildungssystem" in Deutschland. [...] Falls das Paket bis zu einem geplanten bundesweiten Bildungsstreik am 17. Juni nicht vorliege, wollen sie zum "bundesweiten Banküberfall" schreiten.[...] Bleibt anzunehmen und zu hoffen, dass damit eher symbolische Handlungen gemeint sind. Die Wut jedoch kann man nachfühlen
    [...] (Stuttgarter Zeitung, 14.05.2009)

    Die FAZ (29.04.2009) ruft gar indirekt mit dazu auf, den aktuellen bildungspolitischen Problemen nicht mittels Flucht nach vorn in den (Vor)Ruhestand oder in die Resignation zu begegnen, sondern aktiv einzugreifen. Die Wirtschaftskrise hat gezeigt, wie unmittelbar zu Buche schlagender ökonomischer Schaden die Politik zu sofortigem Handeln zwingen kann. [...] Umso mehr wird das Gelingen eines solchen Streiks davon abhängig sein, dass an einem Strang gezogen wird.