Der Amoklauf von Winnenden
Die Ereignisse in der Welt, in der wir uns bewegen, sind längst nicht mehr überschaubar. Täglich geschieht Neues, wird Neues berichtet. Die Zusammenhänge werden dabei immer dichter und komplexer. Die Informationsflut im digitalen Zeitalter erfordert technische und kognitive Passungen, um sich einen Weg durch den Dschungel zu bahnen, um unmittelbar relevante von überflüssigen Informationen herauszufiltern. Dies gelingt uns in der Regel erstaunlich gut, obgleich wir nur selten alle Informationen im Detail zur Kenntnis nehmen. Vielmehr nutzen wir unser kognitives Weltwissen sowie heuristische Routinen, pragmatische Abkürzungen, mittels derer neue Informationen integriert oder bestehende Wissensrahmen aktualisiert werden können. Unser Weltwissen ist dabei immer schon sprachlich überformt, weil - vor allem bei nicht selbst erlebten Ereignissen - diskursiv und medial vermittelt. Unsere Wissensressourcen werden also fortwährend und nicht immer bewusst durch die Medienberichterstattung abgeglichen, was uns in der konkreten Kommunikation erlaubt, ebenso solche ‚Abkürzungen' anzuwenden und bei unseren Kommunikationspartnern vorauszusetzen. Kurz: wir bewegen uns fortwährend in (mehr oder weniger) gemeinsamen und medial vermittelten diskursiven Räumen, wir orientieren uns nach ihnen.
Die linguistische Diskursanalyse versucht die sprachliche Verfasstheit und Perspektivierungsleistung dieser diskursiven Räume sichtbar zu machen. Sie untersucht ferner mit sprachwissenschaftlichen und teilweise computergestützten Methoden die Strukturen und Brechungen diskursiver Aushandlungsprozesse und beschreibt das Wissen, das wir und andere Diskursakteure auf Grund der sprachlichen Umgebung über die Welt haben. Einen kleinen Einblick in diese Arbeit soll die nachfolgende Skizze am exemplarischen Fall Winnenden vermitteln:
Bereits die Nennung dieses Ortes ruft bei der Mehrheit der LeserInnen die jüngsten Ereignisse des Amoklaufes in Erinnerung. Gemeinsam mit der sprachlichen Information Schule wird ein kognitives Konzept (bzw. einen „Frame") <Schüler-Amoklauf> aktiviert, das uns - ohne nähere ‚Tatsachenkenntnis' das potentielle Geschehen vor Augen führt. Wir unterstellen auf Grund unseres Weltwissens typische Akteure, einen typischen Ereignisverlauf, mögliche Ursachen, Folgen usw. Es werden vergleichbare Ereignisse aus der Vergangenheit abgerufen und mit Hilfe der aktuellen Medienberichterstattung in ihrer Pototypikalität aktualisiert. Berechnet man mit sog. korpuslinguistischen Methoden (Signifikanztests) und mit Hilfe eines Vergleichskorpus die diskursiven Schlüsselwörter zur aktuellen Berichterstattung (Untersuchungskorpus: ~ 1500 Texte/ eine halbe Millionen Wortformen aus 7 Zeitschriften und Zeitungen), erhält man einen sehr schnellen Überblick über die ‚wichtigsten' Diskurselemente, die unser Vorwissen aktualisieren:
- ORTE (Winnenden, Realschule, Albertville, Klassenzimmer, Klinik);
- ZEITPUNKT (März, Mittwoch, Morgengrauen); Primäreignis (Notruf, Amoklauf, Schulmassaker, Blutbad, Flucht), EREIGNISVORFELD (Drohung, Chatroom, angekündigt);
- EREIGNISENDE (anschließend, erschossen);
- FOLGEN (Trauerfeier, Schweigeminute, Ermittlungen);
- EMOTIONEN (Mitgefühl, Waffenmesse, Depressionen, Anteilnahme, Entsetzen);
- PARALLELEREIGNIS (Waffenbörse à pietätlos, Amokdrohungen à Trittbrettfahrer);
- VERGLEICHSEREIGNIS (Erfurt, Alabama);
- AKTEURE (Tim, Amokläufer, Opfer, Schüler, Lehrerinnen, Passanten, Angehörige, Polizisten, Staatsanwaltschaft, Vater);
- HANDLUNGEN (erschossen, getötet, tötet);
- URSACHENQUELLE (Killerspiele, Computerspiele, Counterstrike, Schusswaffen à Aufbewahrung à Vater);
- GEGENSTÄNDE (Waffen, Pistole, Tatwaffe).
Mittels Berechnung von sog. Kookkurrenzen (d.h. Wörter, die signifikant häufig zusammen in einer Umgebung auftreten) und Zusammenfassung in Kookkurrenzcluster bzw. -profile lassen sich diskursive Attribuierungen der einzelnen Akteure, Sachverhalte usw. von Seiten der Medien nachvollziehen und damit Kontexte visualisieren, hier des jugendlichen Täters Tim:
In diesem Kookkurrenzprofil werden die verschiedenen semantischen Felder deutlich: Tim, der Täter und Todesschütze hatte einen Faible für Waffen, war Sportschütze wie sein Vater und richtet sich schließlich selbst; Handlungsorte (Klassenzimmer) und Ursachen (spielte, PC) werden angedeutet, aber auch metaphorische, dehumanisierende Attribuierungen, die (nicht nur hier) Fassungslosigkeit der Mitmenschen signalisieren (Monster, Entsetzen, grausige).
Das hier angezeigte Kookkurrenznetz lässt sich in n-ter Ordnung weiterführen, womit Beziehungen unter verschiedenen Akteuren, Ereignissen usw. erkennbar werden. Das folgende Beispiel zeigt die aktuelle Unsicherheit (signifikant häufige Modalwörter wie offenbar im Kotext) der Medien im Laufe der sich überschlagenden Ereignisse, der stündlich eintreffenden neuen Informationen (etwa über den Waffenbestand in Deutschland) sowie nicht zuletzt der im Raum stehenden Schuldfrage (des Vaters):
Setzt man größere Kookurrenzcluster und -profile zusammen, erhält man eine umfassende ‚Diskurskarte’ und kann die verschiedenen Spuren der semantischen Verknüpfungen nachverfolgen:
Darstellung als Netz:
Hierarchische Darstellung:
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