Demokratische Hochschule 2013, oder: Wie Bürger den aufrechten Gang übten
(erschienen unter dem Titel "Der neue Student" in der Frankfurter Rundschau am 18.01.2009)
2009 war das Jahr der Bildungsstreiks und der Bildungsgipfel: Lernende zogen auf die Straßen, besetzten Rektorate und Hörsäle. Laut und grell lief es auf allen Kanälen, Hinz und Kunz äußerten sich. Das „Gestrige" (Schawan) wurde medial bedeutsam zur „berechtigten" Forderung nach „mehr Bildung", vor allem: nach einer „Reform der Reform". Bolognas Exzellenzkarroserie erhielt Kratzer. Sein einseitig auf Verwertungswissen getakteter Motor aber wurde nicht bezweifelt. Die Hochschulen als Baustelle innovatorischer Hektik, konkurrierender Gedankenlosigkeit und bürokratischer Sklerose!
Dagegen setzen wir Stichworte einer potentiell menschengerechten und demokratisch angemessenen Universität des 21. Jahrhunderts (wir lassen der Kürze halber Forschung aus):
Bildungskonzeption: Urteilsfähige Menschen sind das Ziel. Es ist in einer global entgrenzten, von unübersichtlichen Komplexitäten und technologisch pulsierenden Herrschaftszusammenhängen geprägten Welt zu verwirklichen. Darum sind kurze, schmale, fachlich idiotisierende Studiengänge falsch: Sie befähigen die Menschen nicht, die geballten Probleme der Gegenwart und Zukunft menschengemäß anzupacken. Sie treiben ihnen vielmehr jedes intrinsische Lerninteresse durch restriktiv-repressive Noten- und Leistungsnormen aus und schaffen ausschließende Hürden für ganze Gruppen von Menschen.
Um daher dem allein menschenwürdigen Ziel der Urteilsfähigkeit sich anzunähern, müssen die zusammengehörigen kognitiven und die habituellen Lernbedingungen ernst genommen werden. Neue Lehr-Lernformen in prinzipiell ganztägigen Formen während der sekundären und tertiären Sozialisation sind erforderlich. Alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind in ihren ersten 25 Jahren Teil dieser in sich pluralen, aber durchsichtig und türoffenen Bildungsvielfalt.
Die aller Urteilsfähigkeit widerstehenden Blockaden lauten Komplexität und Hermetik. Fächer- und Arbeitsteilung, so wenig sie naturgegeben sind, sind um den Preis der Barbarei nicht mehr prinzipiell zu reduzieren. Darum kommt es darauf an, die Studierenden (und durch periodische Weiterbildung ein Leben lang) dahin zu begleiten, mehr-fachsprachenfähig zu werden, die Logik fremden Fachdenkens und seiner komplexen Gegenstände fragekompetent zu durchschauen.
Das ist weder durch Allgemeinbildung noch durch starr gestaltete Verabreichung von notwendig oberflächlichen Kenntnissen möglich. Die Curricula aller Fächer sind vielmehr in Inhalt, Methode und Form so zu bilden, dass sie von der besonderen Fachausbildung allmählich ausweitend allgemeinere Verständnis- und Fertigkeitskreise zu berühren vermögen. Dazu sind lange bekannte, aber universitär nie systematisch entwickelte Lehr-, Lernformen zu kombinieren: Learning by doing; fallanalytisch erprobte Interdisziplinarität; erkenntnistheoretische Schulung in eins mit einer Problematisierung der methodischen Fachkanones; fächerübergreifende Blockkurse zu aktuellen gesellschaftlichen Problemkomplexen u.ä.m.
Diese Lehr-/Lernformen lassen sich wahrhaft innovativ nur in überschaubaren Einheiten realisieren: die jetzigen universitären Einrichtungen sind darum systematisch zu teilen, in kleine Hochschulen mit drei- bis viertausend Lernenden und Lehrenden. Kosten sparend wird dies nicht zuletzt aufgrund der IuK-Technologien möglich. Was überschaubar ist, bedarf keiner verschlungenen Verwaltung, keiner wuchernden teuren Bürokratiekomplexe. Lernformen (Studiengänge, Seminare usw.) werden damit befreit von der Verdinglichung bürokratischer Denklogik und ermöglichen Formen der Kommunikation, die die Fächer wechselseitig anregen. Dann allein wären partizipativ-demokratische Handlungsräume effektiv machbar.
Die Streiks und Sit-ins 2009 galten prinzipiell Schulen und Hochschulen. Falsch wäre es, ein Bildungssystem aus einem Guß zu verlangen. Aber es gilt doch, Bildungs- und Lehr-/Lernformen von der Vorschule bis zur beruflichen Nachbildung einzurichten, die demokratische Lernprozesse für jeden Einzelnen und seine Selbstbildung adäquat ermöglichen.
Den Vorwurf der Utopie ertragen wir. Denn wer sich nicht vorstellen kann, wie Menschen im Kranz heutiger Probleme urteils-, und das heißt auch menschenrechts- und demokratiefähig werden können, sollte das Gerede von der „Evaluation", selbst ohne Wert, sein lassen.
PS: In Heidelberg formulieren erste Arbeitskreise eine praktikable Alternative jetziger Hochschulorganisation, diskutieren Lehrende und Lernende Formen einer demokratischen Universität. Sie sind offen und dankbar für jede Anregung (www.KritischeTheorie-hd.de).
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Wolf-Dieter Narr ist politikwissenschaftlicher Emeritus und lehrte bis 2002 am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Er ist Verfasser zahlreicher bildungspolitischer Beiträge und Mitstreiter im Bildungsstreik 2009.
Friedemann Vogel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg und promoviert derzeit im Bereich Rechtslinguistik. Er ist Gründer des Heidelberger Forums für kritische Theorie und Wissenschaft und Mitgestaltender der letztjährigen Bildungsproteste.
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