Demokratische Hochschule 2011
(erschienen in: TheEuropean vom 24.11.2009)
Studierende und SchülerInnen besetzen ihre Bildungseinrichtungen. Die Presse schlägt an, zeigt überfüllte Hörsäle und spricht von den „Studentenprotesten“ gegen Bologna und Studiengebühren. Schon laufen sie, die Bildungsminister, und reden wieder von der „Reform der Reform“, von Bildungskongressen und neuerdings gar BAföG-Erhöhung. Allein: die meisten haben nichts zu sagen, schieben die Verantwortung zwischen Bundes-, Länder- und Hochschulebene umher, lächeln für ihre Versprechen. Was Bildung für unsere Gesellschaft und die Hochschulen im Besonderen bedeutet, haben sie noch immer nicht begriffen.
Dabei ist eine grundlegende Reform der Hochschulen dringender denn je. Wir brauchen sie, wollen wir unsere Demokratie erhalten, wehrfähig gegenüber stetig sinkender Wahlbeteiligung, ökonomischen Krisen oder den Vormarsch von Rechts. Mündige Bürgerinnen und Bürger erkennen und lösen soziale Konflikte mit friedlichen Mitteln, verhalten sich solidarisch gegenüber ihren Mitmenschen. Das setzt jedoch eine grundlegende akademische Ausbildung voraus – in der ganzen Bevölkerung und nicht nur bei einer ausgewählten sozialen Elite. Darum ist es Zeit für die „Demokratische Hochschule 2011“:
Die universitären Bildungseinrichtungen müssen als demokratische Institutionen sozial offen, von der Solidargemeinschaft getragen und heterarchisch organisiert sein. Anstatt bürokratisch selektiert werden die aus bereits entsprechend reformierten Schulen kommenden jungen Lerninteressierten fließend an die Komplexität des Lebens herangeführt. Fünfjährige modularisierte Studiengänge mit zu Beginn breiten, interdisziplinären Curricula helfen nicht nur über den eigenen Tellerrand zu schauen, sondern auch selbstreflektiert den eigenen Boden zu kritisieren. Grundlagen in Politik-, Rechts-, ausgewählten Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften fördern kognitive und soziale Fähigkeiten, Empathie und kritische Urteilskraft. Lernen als kleine ForscherInnen im Wechsel von Theorie und Praxis führen Gesellschaftsanalyse, -verständnis und Problemlösedenken zusammen. Erst daraufhin erfolgt eine Fachspezialisierung entsprechend individueller Interessen. Denn das ist das Ziel: an den Dingen der Welt teilnehmen, „dazwischen sein“ (lat. inter-esse), sie zu erforschen und zu Gunsten aller zu verbessern – anstatt Fachidiotie und Arbeitsmarktabrichtung.
Das setzt eine Verkleinerung und Vervielfachung jetziger Bildungseinrichtungen voraus. Universitäre Lernkontexte etwa sind auf bürokratisch überschaubare Einrichtungen mit 3000 bis 4000 Lernende und adäquat vielen Lehrenden anzulegen. Damit werden gemeinsames Lernen und Lehren als solidarische Erfahrung überhaupt erst möglich, können Lernstörungen wie Konkurrenzdenken und individuelle Versagensängste kompensiert werden. Dezentrale Institutsräte unter gleichberechtigter Beteiligung aller Mitglieder der Universität bemühen sich um Konsensentscheidungen vor Ort, führen im Diskurs die unterschiedlichen Perspektiven zusammen. So wird Demokratie in der Praxis erlebbar.
Wir brauchen den Luxus einer breiten akademischen Bevölkerung, weil die Alternative keine Alternative ist: schleichende Entpolitisierung, sozial-selektive Individualisierung und Entdemokratisierung. Wir brauchen eine demokratische Bildung von der Wiege bis zur Bahre, kostenlos für alle Bürgerinnen und Bürger, damit ein jeder solidarisch sich selbst und seine Mitmenschen reflektierend ein Lebensumfeld schaffe, in dem die Würde des Menschen zu jeder Zeit gewahrt bleibe.
Friedemann Vogel, 22.11.2009 (3512 Zeichen)
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