Diese Seite drucken

Nicht für die Schule / Uni lernt man, sondern für ... die Demokratie?


Zum Verhältnis von Demokratie und Bildung

Was soll das denn? Nicht für die Schule.., Leben! Demokratie? Wieder eine der Alt-68er Marotten, nur heute von anderen aufgewärmt, weil die Steinewerfer von damals heute längst ihre Hosen an haben? Demokratie! Dieses hehre Wort, dieses leere Wort. „Demokratie“ haben wir mit Bush im Irak, also Krieg, Leid, Tote, politische und soziale Instabilität, Rechtlosigkeit, Ressourcenausbeutung. „Demokratie“ haben wir im Kongo, nur dieses mal demokratisiert Europa. „Unsere“ Demokratie? Also „Wählen-gehen“? – Wieso sollte man „lernen“, um Wählen zu gehen? Fragen über Fragen. Und ich will doch einfach nur lernen.

Mit den einführenden Fragen ist schon fast alles gewonnen, mit dem letzten Satz jedoch schon wieder fast alles verloren. Fragen waren bei dem alten Griechen Sokrates nicht nur die Voraussetzung dafür, dass aus seinen Schülern die Antworten hervorsprudelten, gleich einem Automaten. Sie waren nicht nur Rechnung des Gelehrten, die vom Belehrten zu bezahlen sei. Sie waren die Antworten selbst. Wer in Platons Dialogen den alten Schierling-Trinker nicht mit Fragen löcherte, bekam nur Schweigen zur Antwort, blieb, was er war. Nur wer die Mühe auf sich nahm, zu fragen und wieder zu fragen und nachzufragen, mit Interesse, also – lat. „zwischen etwas sein“ – teilhabend, der sollte von Sokrates lernen dürfen.

Doch die Fragen und damit Antworten waren nicht nur um des Fragens und Antwortens Willens; bei Plato, der die hebammende Methode übernahm und dokumentierte, zielen die Fragen und Antworten auf die Klärung letztendlicher Wahrheit: die Idee des gerechten Staates, die Idee des Gerechten an sich. Die Frage aller Fragen, was das Gerechte denn sei, hat Platon (der Schuft) samt seiner sog. mündlichen Lehre mit ins Grabe genommen. Lange rätselten Gelehrte über das Gerechte an sich, das Eine, das Absolute. Wiewohl: heute rätseln sie nicht mehr, sie kennen es schon. Plotin und andere haben ihnen den Weg gewiesen, zu dem Einen, Absoluten. Seitdem stand es nun und wart bewundert. Allein: was Gerechtigkeit, was ein gerechter Staat ist, erfuhren sie nie. Denn sie haben aufgehört zu fragen. Dafür weisen – wie ihnen einst Plotin – nun sie ihren Studierenden den Weg. Am Ende des Weges, nach beschlossener Prüfung, ist ihnen das Gerechte zuteil geworden. Und doch kennen auch diese das Gerechte nicht. Denn sie haben aufgehört zu fragen.

Dabei ist fortwährendes Fragen doch die Grundbedingung jeglichen Lernens, jeglichen Voranschreitens, jeglicher Weiterentwicklung – und jeder Demokratie! Demokratie, als die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens, erfordert Gesellschaftsmitglieder, die ihre Umgebung, ihre Umwelt verstehen können. Demokratie erfordert Mitmenschen, die es gelernt haben, die richtigen Fragen zu stellen, damit Probleme zu reflektieren und Lösungsansätze zu entwickeln.

Demokratie erfordert Kolleginnen und Kollegen, die sich gegenseitig auf einander verlassen können, weil einE JedeR von ihnen profunde Bildung besitzt. Und uns liegt daran! Schmort im Haus die Leitung, erwarten wir einen fachkundigen Elektriker. Wir vertrauen ihm, dass er sein Handwerk versteht, dass er den Fehler findet und beseitigt. Dass er sich auf Grund seiner mehrjährigen Ausbildung im Gewirr von Spannung, Stromstärke und Schleichströmen zu Recht findet. Wenn er wieder geht, vertrauen wir darauf, dass wir beim Einschalten des Lichtes keinen Schlag bekommen. – Nun denke man sich die schmorende Leitung als soziale Ausgrenzung von Minderheiten, als zunehmenden Fremdenhass, als Wählerresignation, als Entpolitisierung, als Kinderarmut, als Finanzkrise, als zunehmende Staatsverschuldung, als Europäische Verfassung. Wem mögen wir hier vertrauen, die Probleme zu beseitigen? Wer überließe hier einem jeden Kollegen oder einer jeden Kollegin die Verantwortung, zu entscheiden? Wie vielen Mitmenschen trauten wir die ‚Fachkundigkeit’ zu, seine verfassten Rechte und Pflichten zu kennen? Wem trauten wir überhaupt zu, die Probleme unserer Gesellschaft nur zu erkennen, geschweige denn zu lösen? – Den Politikern? Der alle vier Jahre wieder zu wählenden Rhetorik? Überließen wir im ‚realen Leben’ Mitmenschen die Entscheidung über 500 Milliarden Euro, allein auf Grund ihres Physik-Doktors? Akzeptierten wir einen Automechaniker, der uns versichert, Lackschäden beseitigen zu wollen, uns statt dessen jedoch den Motor zerhaut? Sicherlich nicht. Wieso nehmen wir dann Bankenrettungsgesetze fraglos hin, wieso finden wir uns mit schmidtschen Gesundheits“reformen“ ab? Wieso stört sich niemand an der Situation – oder stört sich, aber duldet murrend (wie die Professoren) den sog. Bologna-Prozess?

Demokratie schafft die Vorraussetzungen für mündige BürgerInnen. Doch mündige, also selbstbewusste, reflektierte, kritisch-nachhakende, zu Legitimierung auffordernde BürgerInnen sind die Vorraussetzung für eine lebendige Demokratie. Das Vermögen, seine eigenen Interessen zu erkennen (im lateinischen Sinne sowohl des Teilhabens als auch des Dazwischen-, also im Konflikt-Stehens), zu artikulieren und mit friedlichen Mitteln einzufordern, ist die Grundlage jeglichen demokratischen Lebens. Gerechtigkeit, aber auch Freiheit oder Gleichheit, sind nichts ohne die Menschen, die definieren (können), was sie als gerecht, als frei oder als gleich verstehen wollen. Demokratie als Möglichkeit der Partizipation jedes Einzelnen an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen setzt jedoch Gesellschaftsmitglieder voraus, die fragen können. Darum brauchen wir nichts mehr als eine demokratische Bildung!

Nur wenn wir ansatzweise die Probleme unserer Umwelt verstehen (Sachkenntnis) oder die Wege kennen, über die wir uns selbst Zugang zu diesen Problemen und ihren Lösungsansätzen verschaffen können (Methodenkenntnis), können wir uns eine profunde, für unsere Mitmenschen verlässliche Meinung bilden. Und Entscheidungen treffen. (Aus-) Bildung ist nur dann demokratisch, wenn sie uns nicht nur belehren möchte, sondern wenn sie uns als denkende Wesen ernst nimmt. Wenn sie unsere Urteilsfähigkeit zu schärfen vermag. Demokratische (Aus-)Bildung ist die Fähigkeit, sich selbst auf seine eigenen Prämissen, seine eigenen Vor-Urteile besinnen zu können und Fertigkeiten zu erlernen, aus Vor-Urteilen reflektierte und sachkundige, überprüfbare Hypothesen (also bewährungsfähige Urteile) zu entwickeln. Fragen zu können dort, wo andere nur noch antworten. Konflikte konstruktiv lösen zu können, wo andere schon draufschlagen.

– Spätestens hier müsste uns deutlich werden, was auf dem Spiel steht: Demokratie und freie Bildung sind zwei Seiten derselben Medaille. Zermürbt man die eine, geht auch die andere verloren. Wie können wir es dann zulassen, für unsere Demokratie – für unsere Grundrechte auf individuelle Lebensgestaltung – bezahlen zu müssen? Für Bildung – verstanden als reflexiven, sich entwickelnden und lebenslangen Prozess der Urteilsbildung – und damit Demokratie Geld (etwa in Form von Schulgeld, Studiengebühren usw.) verlangen zu können, ist ein politischer Akt, der unsere Verblödung schon voraussetzt. Wir lassen es zukünftig zu, dass unsere Kinder schon nach zwölf Jahren stundenplangepresst die Schule beenden - und zugleich jegliche Begeisterung für eigenständiges Lernen und Fragen ausgetrieben bekommen. Wir lassen es zu, dass schlechte Studienpläne fortführen, was in der Schule begonnen wurde: Trichterdidaktik, Abspeichern, Abrufen. Wir fördern durch unsere Tatenlosigkeit, dass wirtschaftliche Interessen bereits schon in der (Hoch-)Schule bestimmen, welche „gesellschaftlichen“ Interessen zu verfolgen sind. Wir lassen es zu, dass an Stelle von kreativem, Problem lösendem Denken, Selbstbestimmung und Demokratie allein die Frage nach der wirtschaftlichen Verwertbarkeit unseres Lebens gestellt wird.

Dem gilt es zu begegnen. Es muss das Anliegen aller Gesellschaftsmitglieder – Studierenden, SchülerInnen, Eltern, ArbeitnehmerInnen wie Arbeitssuchenden – sein, für eine solide, breitgefächerte und kostenfreie (also sozial geöffnete) (Aus-)Bildung und mit ihr für unsere längst leck geschlagene Demokratie einzustehen. Die aktuelle Finanzkrise zeigt nur oberflächlich, dass „die Auswirkungen wettbewerbsorientierter Entscheidungskriterien verheerend sind.“ Vielmehr ist sie Hinweis dafür, dass die viel beschworene Wehrfähigkeit unserer Demokratie massiv an demokratisch (aus)gebildeten Gesellschaftsmitgliedern mangelt. Es ist Zeit, dass wir selbst (wieder) definieren, was wir unter partizipativer Demokratie verstehen wollen. Damit auch zukünftige Generationen darüber nachzudenken in der Lage sind, gilt unsere Aufmerksamkeit der Bildungspolitik. Mit dem Einsatz für eine demokratische Bildung garantieren wir nicht, aber machen es doch sehr wahrscheinlich, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder von Demokratie noch in der Gegenwart sprechen können.

www.KritischeTheorie-hd.de | www.Bildungsstreik2009.de