"Aufstand" - "Revolte" - "Widerstand"
Linguistische Mediendiskursanalyse der Ereignisse in den Pariser Vorstädten 2005
Vogel, Friedemann (2009). "Aufstand" - "Revolte" - "Widerstand". Linguistische Mediendiskursanalyse der Ereignisse in den Pariser Vorstädten 2005. Frankfurt am Main: Peter-Lang-Verlag. (= Europäische Hochschulschriften 343)
Inhaltsverzeichnis
2 Theoretische Prämissen der Arbeit
3 Untersuchungsmethoden
4 Konstitution des Mediendiskurses zu den Unruhen in den Pariser Vorstädten (Untersuchung)
5 Zusammenfassung und Diskussion der Untersuchungsergebnisse
6 Abschließende Bemerkungen
7 Bibliographische Angaben
8 Anhang
Vorwort von Prof. Dr. Ekkehard Felder
Wir alle nehmen eine Vielzahl gesellschaftspolitischer Ereignisse nicht durch unmittelbare Primärerfahrung wahr, sondern symbolvermittelt in den Diskursformationen einer modernen Medienlandschaft. Unser individuelles Wissen gründet in erheblichem Umfang auf der Wahrnehmung sprachlicher und bildlicher Zeichen in Medienangeboten. Das grundlegende Medium unserer Wissenskonstitution ist demnach die natürliche Sprache.
Im Unterschied zu den verdienstvollen Analysen der Medien- und Kommunikationswissenschaften setzt die relativ junge Wissenschaftsrichtung der linguistischen Mediendiskursanalyse nicht bei den Inhalten und deren Interpretation an, sondern vorgeschaltet an dem Medium, durch welches uns überhaupt die Inhalte erst zugänglich gemacht werden. Damit versucht dieses Paradigma nicht nur der Kantischen Philosophie gerecht zu werden, der wir die Einsicht in die unhintergehbare Bedingtheit des menschlichen Erkenntnisvermögens verdanken, sondern rückt konsequent die natürliche Sprache als Erscheinungsform der Dinge in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Der Fokus wird also von den Dingen und Medieninhalten weg auf deren Erscheinungen verlagert, die uns in der Gestalt kommunikativer und medienvermittelter Sprach- und Bildzeichen begegnen.
Hier setzt die Untersuchung von Friedemann Vogel an. Individuelles und kollektives Wissen ist wesentlich durch Massenmedien, ein Meinungsmacher im vielstimmigen Konzert der politisch kulturell einflussreichen Protagonisten, geprägt. Wer Meinung macht und damit gesellschaftspolitisch agiert, muss sich selbstkritisch sowohl dem Erkenntnisprozess als auch der Entstehung der zur Diskussion stehenden Inhalte bewusst sein. Zugespitzt formuliert könnte man sagen: ein Mensch als zoon politikon im Gemeinwesen muss sprach- und gegenstandsreflektiert argumentieren. Der Autor verschreibt sich in seiner Studie einer rein sprachwissenschaftlichen Herangehensweise und schafft dafür gleichsam die Voraussetzung, eine reflektiert politische Position im Bewusstsein der vielfältigen Perspektiven einnehmen zu können. Damit wird auf eindrucksvolle Weise gezeigt, wie die konsequente Trennung zwischen Beschreibungsebene (bezogen auf die sprachliche Darstellung einerseits) und Beurteilungsebene (in Bezug auf den politischen Inhalt andererseits) in höchstem Maße den Idealen einer linguistischen Aufklärung nahe kommt und in diesem Sinne auch politisch ist, wenngleich eben nicht parteipolitisch. Eine solchermaßen verstandene Linguistik verdeutlicht Erkenntnisbedingungen als Voraussetzung und Basis eines agonalen Diskurses über die richtige Politik. Macht und ihre sprachlich-diskursive Bedingtheit wird hinsichtlich kommunikativer Durchsetzungsverfahren transparenter, ein zutiefst demokratischer Gesellschaftsbeitrag.
Der Vorstellung einer unabhängig von der Sprache existierenden Realität, die lediglich durch Sprache abgebildet wird, steht die hier vertretene Auffassung konträr gegenüber, der zufolge die sprachlichen Mittel als eine spezifische und kulturell geprägte Wahrnehmungsfolie uns Deutungsrahmen vorgibt, innerhalb derer wir die Input-Daten (z.B. Sprach- und Bildzeichen) erfassen und verarbeiten. Dadurch wird die erkenntnisformende Kraft der sprachlichen Mittel fokussiert. So genannte Fakten und Informationen werden der ihnen immanenten Perspektivität überführt - das heißt Macht und Interesse werden explizierbarer. Die sprachgebundene Disposition der Sachverhalte ist noch heute für manchen Medienakteur und Medienrezipienten (die immer wieder über Objektivität räsonieren) eine schwer verdauliche Kost, so wie Kants Absage an das naive Vertrauen in die unmittelbare und objekt-angemessene Erkennbarkeit der Wirklichkeit auch für manchen Zeitgenossen mit einer tiefen Enttäuschung und grundständigen Erschütterung einherging. Sie ist aber - konsequent zu Ende gedacht - im Gegenteil Grundbedingung freien Denkens und Voraussetzung diskursiver Aushandlungsprozesse. Ohne diese Erkenntnis könnten einflussreiche Protagonisten allgemein gültige Wahrheit beanspruchen. Angesichts dessen aber, dass erst durch Sprache die Gegenstände als so oder so bestimmte entstehen und verhandelbar werden, bleibt alles im Fluß. Kein Garant für gute Politik, aber dafür, dass es unbedingt erforderlich ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Die materialreiche Medienanalyse des Autors beschäftigt sich mit den so genannten Unruhen in französischen Vorstädten ab Oktober 2005 und ist im Erkenntnisinteresse einer hermeneutisch orientierten Linguistik angesiedelt. Sie verfügt darüber hinaus über interdisziplinäre Ausstrahlungskraft. In ihr wird eindrucksvoll dargelegt, wie mit Hilfe sprachwissenschaftlicher Beschreibungsinstrumentarien ein gesamtgesellschaftlich äußerst relevantes Phänomen der Medienberichterstattung mit exemplarischem Methodenzugriff präziser erfasst werden kann.
Textauszug
1 Einführung
Bourdieu äußerte 1977 in einem Interview, „wenn man von der Linguistik" spreche, müsse „man sich klar sein, dass man von Politik spricht." (P. Bourdieu: 2005, 28) Mit diesem Satz suchte der Soziologe kritisch zu beschreiben, dass sprachliche Prozesse bei der Konstitution politischer Sachverhalte und Interventionsmöglichkeiten mitwirken und hieraus soziale Handlungsmaximen für politisch Handelnde abzuleiten seien. Denn - so erkannte er auf Grund eigener soziologischer Studien - die sprachliche Konstitution etwa „einer Entlassung, [...] einer Ungerechtigkeit" als „einzelnen Vorfall, als ein persönliches Erlebnis" statt eines „kollektive[n] Ereigniss[es]" begrenzt die Handlungsoptionen all jener Gesellschaftsmitglieder, die keine Möglichkeit zur Überprüfung des jeweils sprachlich (re)präsentierten Sachverhaltes haben. Mittels sprachwissenschaftlicher Konzepte und medienlinguistischer Ansätze im Besonderen lassen sich Bourdieus Überlegungen in zunächst zwei Thesen systematisieren:
(1) Alle Gesellschaftsmitglieder sind sowohl auf durch Ausdrucksformen vermittelte Wissenskonzepte als auch auf konzeptionell vermittelte Ausdruckformen und -muster angewiesen, wollen sie auf Sachverhalte in der Welt kommunikativ rekurrieren. Dieses (reflexive) Verhältnis von konventionalisierten Ausdrucksformen (seien sie im Ton, im Bild - oder deren spezialisierten Mischformen: mündlicher und schriftlicher Sprache realisiert), kognitiver Semantik und diskursiver Sachverhaltskonstitution begründet sich in kulturspezifischen Lernprozessen, die wiederum Zugang bieten für unterschiedlichste, bereits bestehende und miteinander konkurrierende Konzepte. In einer massenmedial geprägten Gesellschaft ist es sehr wahrscheinlich, dass sich jene Sachverhaltskonstitution über Weltinhalte in den Köpfen der Aktanten durchsetzt, die eine möglichst große Verbreitung findet bzw. einzige Quelle für Sachverhalte ist, die sich einer unmittelbaren Überprüfung entziehen.
(2) Mögliche Sachverhaltskonstitutionen sind jedoch nicht allein von Konzepten und deren bloßer kognitiver Verfügbarkeit abhängig, sondern darüber hinaus scheinen sie je nach Kultur und Geistesgeschichte auch als wahrscheinlicher oder weniger wahrscheinlich aufzutreten (man vergleiche etwa die deutsche mit der französischen Vorstellung von revolutionären Umbrüchen). Das heißt, ungeachtet kontinuierlicher Aktualisierung kognitiver Konzepte und mit ihnen Ausdruckslesekompetenzen sowie der Möglichkeit potentiell neuer Sachverhaltskonstitutionen, könnten diese Wissensrahmen selbst durch übergeordnete Rahmen- oder Metakonzepte in ihrer Verwendung für Sachverhaltskonstitutionen determiniert sein. Es handelte sich um eine Ordnung der semantischen Felder, die hegemoniale Folgen nach sich zöge und das Postulat der Freiheit ‚demokratischer' Mediendiskurse in Frage stellte.
Aus linguistischer Sicht liegt es folglich nahe zu fragen, welche Konzepte im öffentlichen Diskurs der Medien für individuelle Sachverhaltskonstitutionen zur Verfügung stehen sowie ferner, ob und welche Konzepte an spezifische Ausdrucksformen kulturell gebunden sind, nur in solchen öffentlich auftreten können und schließlich eine metakonzeptionelle Grundlage für das (sprachliche) Handeln von Kommunikanten in der Gesellschaft bieten. Vor diesem Hintergrund steht auch das
1.1 Erkenntnisinteresse der vorliegenden Untersuchung.
Die eingangs skizzierten Thesen sollen anhand linguistischer Studien zum Mediendiskurs dreier auflagenstarker Zeitungen über die Ereignisse in den französischen Vorstädten von November 2005 bis heute eine empirische Kontur erhalten. Genauer zielt die Arbeit auf folgende zentrale Fragestellungen:
(1) Wie konstituiert sich der diachrone und synchrone Mediendiskurs in der Berichterstattung der Printmedien NEUES DEUTSCHLAND, Süddeutsche Zeitung und DIE WELT
a. ausdruckseitig: Welche sprachlichen Mittel (insbesondere auf Lexem-, Syntagmen-, Text- und Bildebene) rekurrieren auf welche Referenzobjekte (vgl. 3.3.1)?
b. konzeptseitig: Welche Wissensrahmen bzw. „handlungsleitenden Konzepte" lassen sich semasiologisch aus den sprachlich konstituierten Sachverhalten plausibel erschließen und wie werden sie bewertet (Sachverhaltskonstitution und Sachverhaltsbewertung; vgl. 3.3.2)?
c. funktional: Welche Rolle nimmt der Diskurs über ein fremdländisches Ereignis in Paralleldiskursen etwa zu inländischen Sachverhalten ein und umgekehrt (Sachverhaltsverknüpfung)?
d. metadiskursiv: Gibt es einen Diskurs über die Diskurskonstitution selbst und welche inner- bzw. transdiskursive Funktion kommt ihm zu?
(2) Welche intermediären Auseinandersetzungen gibt es um Sachverhaltskonstitutionen sowohl ausdrucksseitig als auch inhaltsseitig („Semantische Kämpfe", vgl. 2.2.4)?
(3) Lassen sich einzelne Form-Konzept-Relationen ermitteln und intermediär voneinander abgrenzen? Das heißt: Welche Ausdrucksformen und/oder Wissensrahmen korrelieren mit spezifischen Ausdrucks- und Sprachhandlungsmustern (wie insbesondere Rubriken und Textsorten)? Lassen mögliche Korrelationen Rückschlüsse auf metakonzeptuelle Diskursordnungen und ihre hegemonial-epistemische Rolle in der Gesellschaft zu? Inwiefern können schließlich Analyseergebnisse zu Form-Konzept-Relationen Aussagen zur Frage nach der gesellschaftlich-diskursiven Konstitution von Kunst beitragen?
1.2 Bisheriger Forschungsstand zum Diskurs über die Unruhen in Frankreich
Mit den Ereignissen in den Pariser Vorstädten hat sich bislang vor allem die französische und deutsche Soziologie befasst, von deren Ergebnissen für die hier behandelten sprachwissenschaftlichen Fragestellungen zwei Aspekte zu berücksichtigen sind: zum einen die Rekonstruktion der Ereignisse als eine erste Grundlage für Textkorpuserhebungen und Referenzobjekt-orientierte Untersuchungen, zum anderen vereinzelte metadiskursive Aussagen, die zu prüfen auch ein Anliegen dieser Arbeit sein soll.
Die Durchsicht eines Großteils bisher auf Deutsch veröffentlichter soziologischer Studien zu diesem Themenkreis ließ einige übereinstimmende und im untersuchten Textkorpus in verschiedener Weise (implizit wie explizit) eingeflochtene Ereignisse als Orientierung zu Grunde legen (vgl. Anhang 8.1). Nach einer Vorgeschichte verschiedener Unruhen in der Vergangenheit seit den 50/60er Jahren[1] beginnt das hier behandelte Hauptereignis, die Vorstadt-Unruhen vom Herbst 2005, am 27. Oktober im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois. Nachdem zwei Jugendliche auf Grund heftig umstrittener Umstände zu Tode kamen (s. 4.3.2.1) und ein Jugendlicher schwer verletzt wurde, begannen Jugendliche noch am Abend desselben Tages in ihrem Ort Autos in Brand zu setzen. Innerhalb weniger Tage wiederholten sich ähnliche Szenen in immer weiteren (Vor-)Orten ganz Frankreichs. Es kam zu zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizei. Am 8. November 2005 verhängte die französische Regierung den Ausnahmezustand zunächst für 12 Tage, verlängerte ihn dann um weitere zwei Monate, bis sie ihn am 4. Januar 2006 wieder aufhob[2].
Die französische Medienberichterstattung kritisieren soziologische ForscherInnen vor allem in zwei Punkten (vgl. Anhang 8.2): Erstens in der kontrastierenden Darstellung der jugendlichen Akteure als ‚Nicht-Franzosen' gegenüber „‚kultivierten' (weißen) Franzosen" (E. Kimmich: 2006, 510f.) und zweitens in dem allgemeinen Vorwurf der Sachverhalt „verzerrenden" Darstellung mittels Statistiken, fingierter Zitatquellen und einer allein auf „‚mediengerechte'", skandalträchtige Bilder zielenden journalistischen Praxis (P. Champagne: 1997, 60). Ähnlich äußern sich die ForscherInnen im Hinblick auf die deutsche Berichterstattung: Diese konstituiere das Ereignis als autopoietischen, alternativlosen Naturprozess, dessen sozialer Hintergründe man sich zwar bewusst sei, jedoch ratlos gegenüberstehe. Auch hier findet sich der Vorwurf der (teilweise instrumentalen) Sachverhaltsverknüpfung zu negativ denotierten Deutungsmustern der Terrorismus-, Integrations- und Migrationsdebatten. Diese metadiskursiven Einschätzungen zeugen von stark subjektiven Eindrücken, die sich im Laufe der hier vorgelegten Diskursanalyse sowohl theoretisch als auch empirisch differenzierter evaluieren lassen.
Zur Thematik kulturell stabiler Form-Konzept-Relationen sind bislang keine systematischen Arbeiten bekannt geworden. Auf ihre Nähe zum Foucault'schen Diskursansatz, zu Hegemonie- und Ideologie-Theorien (Gramsci et al.) sowie zur Tradition der Funktionalen Grammatik (Prager Schule) wird im Laufe dieser Arbeit genauer einzugehen sein.
[1] Siehe ausführliche Informationen und Chronik der Ereignisse im Anhang (8.1).
[2] Das Ende der Unruhen wird dabei medial völlig unterschiedlich und widersprüchlich konstituiert (vgl. 4.3.1).
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