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Thema: Bildung(sstreik) in der Gesellschaft PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 25. November 2009

 
Sozialisierende Bildung und institutionalisierte Bildung: Wenn heute von Bildung gesprochen wird, dann sind meistens die Bildungsinstitutionen gemeint. Dies gilt im Allgemeinen auch für den Bildungsstreik. In der Regel stehen daher Bildungseinrichtungen im Fokus öffentlicher Debatten. Um den gesellschaftlichen und sozialen Kern von Bildung zu erörtern reicht deshalb das formale und bürokratische Verständnis von Bildung nicht aus. Bildung ist in unserer Gesellschaft keine bloß individualistische und formale Komponente, sondern in erster Linie gesellschaftliche Bildung, d.h. eine soziale Formung des Menschen.

 
So ist es bekannt, dass ein Säugling keine feste Institution braucht, um sich zu bilden. Er bildet sich, indem er durch seine Umwelt sozialisiert wird. Jedoch führt keineswegs jede Bildung des Menschen dazu sich weiterzuentwickeln, Unabhängigkeit und Autonomie zu erlangen. Bildung kann in einer bestimmten Form auch zerstörerisch sein, indem sie den Mensch geistig missbildet und ihn zur Unmündigkeit erstarrt.

Wenn es im Bildungsstreik 2009 um “Bildung” geht, geht es häufig nicht um eine Kritik dieser Art sozialer und gesellschaftlicher Entwicklung des Menschen (wir nennen sie im folgenden: “sozialisierende Bildung”), sondern um deren Institutionalisierung (im folgenden: “institutionalisierte Bildung”). Doch genau genommen ist auch letztere sozialisiert, hat sich in einem historischen gesellschaftlichen Zusammenhang entwickelt. – In welchem gesellschaftlichen Zusammenhang befinden wir uns aber gegenwärtig?

Bildung im historischen Kontext. In der jetzigen Gesellschaft in Deutschland oder Europa ist eine gute sozialisierende Bildung nicht das Hauptziel des Menschen. “Bildung” ist heute lediglich ein biographisches Zwischenstadium im Leben (Schule / Studium / Ausbildung), d.h. lediglich Mittel für einen anderen Zweck.

Doch was ist dieser Zweck? Von wenigen Ausnahmen abgesehen, geht es im Leben jedes einzelnen Menschen in erster Linie immer um die Produktion von etwas. Sei es denn die Produktion eines fremden Lebens (etwa durch die Gründung einer Familie) oder die Reproduktion des eigenen Lebens durch Erarbeitung der dafür notwendigen Lebensgrundlagen (Nahrung, Wohnung usw.). Produktion bestimmt das Leben der Mehrheit der Bevölkerungen. Die Zahl derer, die ohne jegliche Produktion ihr Leben gestalten können, lässt sich wohl an wenigen Händen abzählen. Heute scheint es in unserer Gesellschaft deshalb völlig selbstverständlich, dass jeder Mensch mindestens 40 Jahre in Produktionsstätten arbeiten muss.

Aus dieser Lebensgrundlage wird es auch nachvollziehbar, wieso das Lernen an der Schule (Lernen als Verarbeitung gesellschaftlicher Vorgaben) nicht für das Lernen selbst oder für die Schule, sondern für das Leben sei. Augenscheinlich gibt es einen Unterschied zwischen Leben und Schule, d. h. Institution des Lernens der gesellschaftlichen Normen. Folglich lassen die beiden Phasen sich voneinander unterscheiden.

Wie verläuft diese Produktion? Auch hier ist jedem ersichtlich, dass dem einzelnen Menschen nicht frei überlassen ist, wie er für sich und seine Familie sorgt und auf welche Weise er seine Lebensgrundlage hervorbringt. Die Produktionsprozesse des Einzelnen hängen von seinem Lebensumfeld ab: Deutschland etwa ist eine Industrienation, in der anders produziert wird als etwa derzeit in einem afrikanischen Land mit höherem Anteil an Landwirtschaft. Auch bei einer Betrachtung der Geschichte eines Landes werden unterschiedliche Produktionsweisen in der historischen Entwicklung sichtbar: Die Fabriken in Deutschland sind nicht Ergebnis von Zufällen, sondern von systematischen gesellschaftlichen Entwicklungen.

Vor diesem (hier sehr oberflächlich skizzierten) gesellschaftlichen Hintergrund historischer Produktionsprozesse müssen die heutigen Bildungseinrichtungen als Orte gesellschaftlicher Ausbildung betrachtet werden, denen eine bestimmte Funktion in der Gesellschaft zukommt. Unseres Erachtens lassen sich zwei Hauptfunktionen benennen: Erstens: Geistige Ausbildung, um jeden Menschen als ein gesellschaftsfähiges Wesen mit Fertigkeiten auszurüsten (Aneignung von Grundkenntnissen über geistige Entwicklung der gegenwärtigen Gesellschaft in kultureller und sozialer Form); zweitens: Vorbereitung auf das Leben als ein Teil der Produktionskette im gesellschaftlichen Produktionsprozess.

Die ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus. Die Bildungseinrichtungen befinden sich in bestimmten ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Nicht nur deshalb, weil die Menschen, die sich dort befinden und aufhalten, aus einer bestimmten Gesellschaft kommen und eigene Hintergründe (besondere Erziehung und materielle Voraussetzungen) mit sich brächten, sondern auch deswegen, weil die Bildungseinrichtungen von anderen gesellschaftlichen Akteuren und von der ganzen Gesellschaft selbst abhängig sind. Dies ist auch daran zu erkennen, dass die Forderungen des Bildungsstreiks, obwohl sie oft interne Angelegenheiten der Universitäten ansprechen, nicht immer an interne Verantwortliche gestellt werden und gestellt werden können, sondern diese sich oft an die politische Ebene wenden.

Das Bewusstsein, das die Probleme der Bildungseinrichtungen nicht alleine in ihnen selbst zu lösen sind, spiegelt den tatsächlichen Zustand wieder. Denn eigentlich sind die Menschen, die Mitglieder dieser Einrichtungen sind, keineswegs bzw. sehr wenig selbst an den Entscheidungsprozessen über ihre Institutionen beteiligt. So entscheiden etwa nicht Schüler, welche Fächer an der Schule gelehrt und welche Inhalte vermittelt werden sollten.

Dieser Umstand rührt daher, dass es viele unterschiedliche gesellschaftliche Akteure gibt, die sich an der institutionellen Bildung beteiligen oder besser gesagt, darüber die wichtigen Entscheidungen treffen. Hierzu gehören insbesondere die Finanziers der Einrichtungen, die zwar formell noch überwiegend staatliche sind, doch längst auch von kirchlichen oder privatwirtschaftlichen Investoren begleitet werden. Als finanzielle Träger der Institutionen sorgen sie für Gebäude, die Einstellung von Rektor INNEN? und Lehrer INNEN? oder die Bereitstellung von Lernmaterial. Damit erhalten die Finanziers indirekt durch ihren finanziellen Einsatz automatisch auch andere Entscheidungskompetenzen, etwa einen Einfluss darauf, was in der Schule gelernt wird und wie viele Jahre man zur Schule zu gehen hat. Auch in Universitäten, bei Forschungseinrichtungen und Forschungszielen entscheiden diese Finanziers maßgeblich mit.

Deshalb spielt etwa der Staat eine wichtige Rolle bei den Institutionen für Bildung, da er über Wahlen legitimiert gesellschaftspolitische Richtlinien festlegt und entsprechend Gesetze für Schulen und Universitäten erlässt. Dass nicht diejenigen, die sich selbst im Bildungsprozess befinden, über Inhalte und Dauer des Lernens bestimmen, sondern staatliche, häufig bürokratische Akteure, zeigt sich als einen Teil der politischen Herrschaft einiger Menschen über andere, in der sich die Menschen befinden.

Der Großteil der Menschen besucht die Bildungseinrichtungen, um anschließend einem Beruf nachzugehen, um letztlich die eigene Lebensgrundlage finanzieren zu können. Folglich spielt der Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle für die Bildungseinrichtungen, wie sie gestaltet und welche Inhalte in ihnen vermittelt werden. Doch im Grunde kann man nicht von einem Arbeitsmarkt sprechen: denn die Arbeitssuchenden und jene, die diesen Arbeitsplätze anbieten, befinden sich nicht auf Augenhöhe, sondern in einem Macht-durch-Geld-Ungleichgewicht Verhältnis. Als “Arbeiter INNEN?” oder “Angestellte” unterstehen sie einem Herrn: er stellt sie an, er beurteilt, ob sie geeignet für eine Tätigkeit sind und was sie bei der Arbeit zu tun haben. Fast alle Menschen sind von einem Arbeitsplatz abhängig, weil sie selbst nicht über die finanzielle Grundlage und Produktionsmittel verfügen, eigener Tätigkeit nachzugehen und unabhängig für sich zu sorgen. Geld und Produktionsmittel sind ein Monopol in unserer Gesellschaft, dem all jene unterliegen, die lediglich über ihre Arbeitskraft verfügen und nur diese auf dem Arbeitsmarkt anbieten können. Diese ungleiche Verteilung führt dazu, dass die große Masse an Arbeitssuchenden in Konkurrenz zu sich selbst gerät, denn Arbeitsplätze sind rar. In Konkurrenz treten damit auch die Hoffnungen jedes Einzelnen, dass er und nicht ein Anderer den Arbeitsplatz erhält und so für seine Familie sorgen kann.

Diese Konkurrenz führt dahin, dass auch in den Bildungseinrichtungen die Menschen versuchen, sich auf die zukünftige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt vorzubereiten: ein Jeder sucht durch ein Mehr an Ausbildung und an Fachkenntnissen sich einen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten zu verschaffen. Damit folgt die Konkurrenz innerhalb der Bildungseinrichtungen, gute Noten zu schreiben, beste Durchschnitte zu erreichen und möglichst als jung die Ausbildung zu beenden, aus der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.

Die Verschärfung der Konkurrenz innerhalb der Bildungseinrichtungen – Exzellenzinitiative, Eliteunis, Stipendien (wie aktuell angekündigt als „Elitenförderung“) und gute Abschlüsse – sind somit nicht aus sich selbst heraus, sondern aus der Gesellschaft, der sie entstammen, zu erklären. Denn in der gegenwärtigen Globalisierung, in der die Unternehmen und die Nationen selbst einer verschärften Konkurrenz unterliegen und dabei die nationalen Grenzen für die Unternehmen aufgehoben werden, bleibt den Regierungen und Unternehmen nichts anderes, als dieser Konkurrenzlogik zu folgen. Sie sind folglich nicht nur Instanzen, die über andere Menschen entscheiden, sondern unterliegen selbst bestimmten Sachzwängen. So sind sie die treibende und getriebene Kraft in einem. Die nationalen Regierungen müssen bessere Bedingungen für ihre Unternehmen schaffen, weil sie sonst als Standort nicht mehr attraktiv wären – zu kostspielig, zu schlechte Infrastruktur. Die Folge wäre, dass die Unternehmen dann samt ihren Arbeitsplätzen den Standort wechseln würden. Die Unternehmen selbst unterliegen wiederum einer Konkurrenz gegenüber anderen Unternehmen. Wobei es nur Gewinner und Verlierer gegeben kann und die Vermehrung des Kapitals – d. h. “Wachstum” – der entscheidende Indikator ist. Folglich sind die Unternehmen zum größten Teil gezwungen, ihr Kapital zu vermehren und dafür die besten Bedingungen zu schaffen.

Aus den dargestellten ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen folgt, dass die Umstrukturierung der Schulen und der Universitäten mit all ihren Einschränkungen der Freiheiten von Menschen aus den Konkurrenzverhältnissen zu betrachten sind, denen die Gesellschaften und jedes einzelne Individuum unterworfen sind.

Kritik an einzelnen Forderungen im Rahmen des Bildungsstreiks 2009 vor dem Hintergrund der jetzigen gesellschaftlichen Zustände. Der Bildungsstreik 2009 setzt sich ein für eine emanzipatorische Bildung, für die Stärkung der Urteilsfähigkeit der Individuen und dafür, dass jeder Einzelne in die Lage versetzt wird, durch die Reflexion seiner eigenen Person und seiner Umwelt eine größere Autonomie zu erreichen. Dieses Ziel können die Bildungsstreikenden jedoch nur dann annähernd erreichen, wenn sie den gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem sich die derzeitigen Bildungseinrichtungen und deren Zweck befinden, mitbeachten und berücksichtigen.

Nach den vorangegangen Erläuterungen können folgende Eckpunkte des jetzigen gesellschaftlichen Zustandes festgestellt werden: die gegenwärtige Gesellschaft beinhaltet sowohl eine politische als auch ökonomische Herrschaftsstruktur, die sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. D. h. konkret, dass die Menschen bzw. die große Masse nicht in der Lage ist, selbständig über die eigenen sozialen und ökonomischen Bedingungen zu entscheiden, sondern sie unterliegen höheren Instanzen. Wenn über die Bildungseinrichtungen gesprochen wird, müssen beide Aspekte der Herrschaftsstruktur beachtet werden, denn Bildung ist sowohl Gegenstand der politischen Herrschaft als auch der ökonomischen.

Deshalb führen auch nicht einzelne Slogans bzw. Forderungen zu einer emanzipatorischen Bildung (wie «Bildung für alle»), sondern es muss ein Forderungskatalog aufgestellt werden, der die genannten unterschiedlichen Aspekte und die Zusammenhänge erkennt und dabei mitberücksichtigt, um sie letztlich alle aufzuheben.

Im folgenden werden nur einige Beispiele genannt, die diesen Anspruch zu verdeutlichen versuchen:

1. «Freie Bildung für alle» (keine Bildungsgebühren / keine Zugangsbeschränkungen)

Ohne Berücksichtigung des gesellschaftlichen Hintergrundes könnte jeder und jede der Forderung zustimmen, dass Bildung nicht durch etwaige Schranken verwehrt bleiben sollte. Doch im eben beschriebenen gesellschaftlichen Kontext erhält diese Forderung alleine nicht die Zustimmung eines emanzipatorischen Bildungsbegriffs.

Das gegenwärtige Schul- und immer mehr zunehmend auch das Hochschulsystem stellen für die Betroffenen ein Zwangssystem dar, in dem die Menschen etwas tun müssen, das gar nicht ihrem freien Willen entspringt. Im Gegenteil: durch Zentralabi oder festgelegte Studienpläne entpuppt sich das Bildungssystem als eine Kaserne für ideologische Grundausbildung, in der in die Köpfe der Menschen die herrschende Meinung und Struktur von Kindesbeinen auf sozialisiert wird. Dieser indirekte Zwang zu Anpassung und Boulemie-Lernen mit all dem Druck der Konkurrenz und darausfolgendem Versagensgefühl führen immer wieder zu den krassen Ausbrüchen, bei denen Schüler, d. h. junge Menschen, keinen Weg mehr aus ihrer Krise kennen, als Amok zu laufen.

Somit muss die Forderung nach «Bildung für alle und zwar umsonst» immer damit verbunden sein, dass die Menschen selbst bestimmen können, was sie lernen und wie sie sich selbst [sic!] bilden wollen.

2. Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen (Aufstockung des Lehrpersonals / Einheit von Forschung und Lehre statt Exzellenzinitiative / Beendigung prekärer Beschäftigungssituation in der Lehre / Studentische Freiräume)

Die Forderung nach einer Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen, oft gepaart mit der nach freier Bildung ohne Bildungsgebühren, ist ebenfalls unterstützenswert, da jede geistige Tätigkeit zunächst eine reale und materielle Grundlage braucht, innerhalb der sich Kreativität und Lerninteresse entfalten können.

Doch diese Forderungen würden ohne Berücksichtigung der sozialen Selektion, die selbst von den Ansprüchen der ökonomischen Produktion abhängig sind, weil für jede Produktionstätigkeit nicht dieselben und nicht gleich hohe Niveaus gefordert werden, nicht zu einer emanzipatorischen Bildung aller Menschen führen, sondern die soziale Struktur der Gesellschaft nur weiter zementieren. Konkret sollten Fordernde im Bildungsstreik berücksichtigen, dass unter einer gegenwärtigen Konkurrenz der Arbeitnehmer eine Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen an den Universitäten nur den höheren Schichten zu Gute käme, die dann ihre Vorteile gegenüber denen ausnutzen können, die durch ihre Steuern und Arbeiten zu dieser Verbesserung zu einem nicht unerheblichen Teil beigetragen haben. – Die Nutznießer wären andere als diejenigen, die durch ihre Arbeit zunächst für die neuen und verbesserten Möglichkeiten gesorgt haben.

In Bezug auf die Finanzierung muss ebenfalls berücksichtigt werden, dass durch Globalisierung das Kapital entwurzelt ist und folglich zwangsläufig die Arbeitnehmer oder besser gesagt mehr oder weniger die Mittelschicht bloß in Anspruch genommen werden kann, um höhere Steuern zu zahlen. Dass innerhalb der gegenwärtigen Verkehrsfreiheit des Kapitals diese nicht in gesellschaftliche Verantwortung gezogen werden können, zeigt sich in den Debatten über Steueroasen oder im Konkurrenzkampf um die Senkung der Steuern für Unternehmen und Kapitaleigner.

3. Demokratisierung des Bildungssystems (Mehr Mitbestimmung an der Universität und angemessene Repräsentation der Studierenden / Einführung der Verfassten Studierendenschaft / Keine Kommerzialisierung in Aufbau, Organisation und Lehrinhalten der Universität)

Obwohl Mitspracherecht der Studierenden als der größten Gruppe an der Universität eines der zentralen Ziele sein muss, um selbstbestimmtes Lernen zu erreichen, muss diese Forderung kritisch beobachtet werden. In der gegenwärtigen Hochschullandschaft kann man nicht von Volkshochschulen sprechen. Die soziale Selektion bereits im Vorfeld der Hochschulen führt dazu, dass die Mitsprache der Studierenden nichts anderes als eine Mitwirkung einer ohnehin schon privilegierten sozialen Gruppe wäre. Doch wo die Aussicht bzw. die Forderung nach mehr Demokratie nur bestimmten sozialen Gruppen vorenthalten bleibt, kann es gar keine Demokratie geben. Z.B. Keine Demokratie im Betrieb oder keine Demokratie an Schulen.

In dem genannten Kontext der politischen und ökonomischen Herrschaft der wenigen Menschen über viele muss man sich ernsthaft die Frage stellen, ob das genannte Ziel realistisch ist oder die sogenannte Kommerzialisierung und Ökonomisierung des Bildungssystems zwangsläufig einsetzen müssen, weil die Universitäten nicht ein Elfenbeintum sind, sondern ihre Grundlage in der gegenwärtigen Gesellschaft finden. Kurz: Demokratische Verhältnisse in einem Umfeld, das von einer ökonomischen Verwertungslogik dominiert wird, wären schlicht ein verzichtbares, da die Verhältnisse verschleierndes Paradox.

4. Überarbeitung Bachelor / Master (Abschaffung des Bachelors als Regelabschluss; Master für alle)

Das gegenwärtig stärkste Ziel der Bildungsstreikernden, das neuetablierte System von Bachelor / Master zu reformieren, beinhaltet zwar alle Elemente, die in den vorhin genannten Forderungen auftauchen, jedoch hebt dieses Ziel nicht die Zwangslogik auf, die diametral zu einem emanzipatorischen Bildungsbegriff steht. Länger studieren kann zu Selbständigkeit führen, muss es aber nicht. Denn letztlich führen sowohl Bachelor als auch Master im Großen und Ganzen zu einer bloßen Verwertung in der Produktionskette. Zugegebenermaßen: im Bachelor früher als im Master.

Notwendige Grundlagen der Gesellschaft als Voraussetzung für eine emanzipatorische und selbstbestimmte Bildung des Individuums. Doch zuletzt müssen wir alle berücksichtigen: Jedes Bildungssystem hat einen bestimmten gesellschaftlichen Kontext zur Grundlage. – Jeder kleine Erfolg im Kampf um ein anderes Bildungssystem ohne den Anspruch, zugleich deren gesellschaftliche Grundlage verändern zu wollen, ist nichts weiteres als einen Pyrrhussieg. Die Erfolgsmomente werden sich schnell in Luft auflösen, wenn der Widerstand der Betroffenen aufhört oder erliegt, ohne dass die grundlegende Struktur und die darausfolgenden Logiken beiseite geschafft wären.

Es folgt daraus, dass in einer Gesellschaft eine emanzipatorische Bildung letztlich nur verwirklicht werden kann, wenn die Gesellschaft dieser Menschen sich das Ziel gesetzt hat, die Grundlage für ihre Mitglieder zu schaffen, sich frei und nach freiem Willen entfalten zu können. Ohne diesen Anspruch wäre jede Gruppe, die dies im kleinen Kreise, beschränkt nur auf ein gesellschaftliches Gebiet, fordert, gewollt oder ungewollt elitär und selektiv.

Die gegenwärtigen Forderungen und Kritiken am heutigen Bildungssystem dürfen nicht innerhalb seiner Schranken enden, d. h. konkret: wenn die Konkurrenz der Studierenden und Schüler kritisiert wird, muss gleichzeitig die Konkurrenz der Arbeitnehmer insgesamt kritisiert werden. Wenn die Verwertungslogik der Bildung kritisiert wird, muss die Verwertungslogik und die Logik der Kapitalvermehrung in Frage gestellt werden.

Nur auf diese Weise kann der Bildungsstreik mehr als nur ein “Studierendenprotest” sein und werden. Denn um einen sozialen Konflikt auszulösen, bedarf es mehr als einer Gruppe an Studierenden, die sich auf hohem Niveau über ihre Mängel und Missstände beklagen, während in einer der schwierigsten Wirtschaftskrise unserer Zeit die Arbeitnehmer um ihren Job, ihre Familie und ihre substantielle Zukunft bangen müssen. Positiv festzuhalten ist, dass im gegenwärtigen Bildungsstreik zumindest Studierende und Schüler Seite an Seite kämpfen.

Ab dem Zeitpunkt, wo die Proteste der Studierenden als der gemeinsame Aufschrei gegen bestimmte Missstände in der ganzen Gesellschaft gesehen werden, stoßen auch andere soziale Gruppierungen dazu. Arbeiter und Arbeiterinnen könnten für die Sache gewonnen werden, nicht für bloße Solidaritätsbekundungen, sondern für einen gemeinsamen Kampf auf der Straße.
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