Oder: was eine Demokratisierung der Hochschulen mit Opel zu tun hat Anlass des folgenden Kommentars zu den aktuellen Entwicklungen nicht nur in Österreich, sondern vor allem auch in Heidelberg sind zwei kurze Notizen, die wohl unbemerkt durchs Netz bzw. über einen der diversen Verteiler huschte. Die erste Notiz - ein Kommentar zu einem Bildungsstreik-Youtube-Video: Schlecht! Da singt er auch noch: "[...] sie reden nur vom Wettbewerb, von Eliten [...]", dabei sind ja gerade Studenten bestrebt, sich durch ihr Studium bessere Chancen am Arbeitsmarkt zu erarbeiten, um später finanziell und wirtschaftlich besser dazustehen. Studenten bekommen BAFÖG, damit sie einmal zur "Elite" gehören und regen sich noch auf. Die sollen erst mal lernen, was es heißt, zu arbeiten. Die zweite Notiz - eine Verteileremail eines studentischen Protestlers mit der rhetorisch ablehnenden Frage, was denn die Hochschule mit Opel zu tun habe. Beide Notizen stimmten mich nachdenklich. Und ich möchte v.a. auf die Frage des Kommilitonen in drei knappen Schritten reagieren, denn ich glaube (besser: fürchte), sie ist derzeit (wieder) symptomatisch für einen Großteil der neu anlaufenden Studierendenproteste insb. in Deutschland.
Der erste Schritt geht den fiktiven Gang durch die Hallen der Universitäten. Mächtig hallt es dort und geht es in Pressemitteilungen online; Lernende und Lehrende besinnen sich (seit der Protestwoche im Juni erneut oder noch immer) auf die Möglichkeiten „freier Bildung": frei „von Kommerzialisierung", frei „von Bildungs- und Studiengebühren", frei „von Bevormundung", frei in „freien Räumen" zur Entfaltung individueller Kräfte und vieles andere mehr. „Demokratisierung" der Bildungseinrichtungen ist das Schlagwort der Stunde. Und „Solidarität". Seit die Österreicher ihre Universitäten besetzten und nahezu identische Forderungen formulierten, wie sie bereits während des Bildungsstreiks 2009 formuliert wurden: 1. Freier Zugang zu allen universitären Studien 2. Verbesserung der Studienbedingungen 3. Demokratisierung der Universität 4. Selbstbestimmtes Studieren 5. Schluss mit prekären Dienstverhältnissen an den Universitäten 6. Wir fordern eine 50-prozentige Frauenquote in allen Arbeitsbereichen des Bildungswesens auf allen Ebenen (Forderungen an der Uni Graz; http://unsereuni.at/?p=1061) Freie Bildung für alleKeine Bildungsgebühren Keine Zugangsbeschränkungen Überarbeitung Bachelor / Master Abschaffung des Bachelors als Regelabschluss Master für alle Demokratisierung des Bildungssystems Mehr Mitbestimmung an der Universität und angemessene Repräsentation der Studierenden Einführung der Verfassten Studierendenschaft Keine Kommerzialisierung in Aufbau, Organisation und Lehrinhalten der Universität Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen Aufstockung des Lehrpersonals Einheit von Forschung und Lehre statt Exzellenzinitiative Beendigung prekärer Beschäftigungssituationen in der Lehre Studentische Freiräume (PM aus HD, 04.11.2009; http://www.bildungsstreik-hd.de/wp-content/uploads/2009/11/pressemitteilung_besetzung_hd_05_11_09.pdf) Forderungen und Pressemitteilungen sind ihrer Textsorte nach kurz gehalten, auf das Wesentliche fokussierend. Das ist wichtig, weil die Texte sonst nicht gelesen werden. Auch nicht von protestierenden Studierenden. Dennoch: es beschleicht mich das Gefühl, dass hier etwas „Wesentliches" fehlt. Die Forderungen nach „Demokratie" an den Hochschulen stehen blass da; denn was für eine Demokratie ist da gemeint? - Über den Kotext erhält sie etwas Farbe (vgl. PM oben), allein ein großes Wellenspektrum bleibt dunkel. Der zweite Schritt führt mich auf die Straße. Trillerpfeifen, rote Westen über Blaumänner und Särge mit der Aufschrift „GM". Die Arbeiter ziehen auf die Straße, Arbeitsplatzverlust droht und mit ihm der Abrutsch in Arbeitslosigkeit, Hartz IV und gesellschaftliche Verachtung („Sozialschmarotzer"). Sie sind wütend und traurig, wie die Herrschaften der ersten Reihe Profit aus ihren Händen schöpf(t)en und sie nun fallen lassen möchten, weil es unrentabel geworden ist. Sie kämpfen - mehr hilflos als selbstbewusst - um den Erhalt ihrer Werke, zunächst der ihren. Denn die Kraft ihrer Solidarität, für die sie einst so bekannt waren („Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will"), reicht bis heute zumeist nur bis an die (nationalen) Grenzen. Die „Kumpel" von drüben (z.B. in Antwerpen) sind eher Konkurrenten als Mitleidende oder Mitkämpfer. Hoffentlich wird nur deren Werk geschlossen, bleibt das eigene erhalten. Denn wenn die eigene „betriebsbedingte" Kündigung im Briefkasten liegt, sind auch die gekauften firmeneigenen Aktien keine Entschädigung mehr. Es könne nicht angehen, dass ein Land eine Lösung zu Lasten eines anderen finde. "Die Beschäftigten in Antwerpen haben denselben Anspruch auf ihren Arbeitsplatz wie die Beschäftigten an jedem anderen Standort auch", so Verheugen. (SZ, 23.09.2009; http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/182/488577/text/) 1. Die Notwendigkeit von Gewerkschaften ergab sich aus ihrer Funktion, die Konkurrenz der Lohnabhängigen durch ihren organisierten Zusammenschluß ein Stück weit aufzuheben. Solidarität ist für uns nicht nur ein moralisches Prinzip, sondern lebensnotwendig. [...]Wir wollen Gewerkschaften, die den Konkurrenzzwang, dem die Kapitaleigner unterliegen, nicht als Leitlinie ihrer eigenen Überlegungen und Aktivitäten akzeptieren. (Forderungen von einzelnen Opel-Mitarbeitern 2005; „Gegen die Konkurrenz- und Standortlogik und gegen ihre Akzeptanz durch die Gewerkschaften") Und die Politiker, die sich von den Blaumännern mit dem Versprechen zu mehr Kontrolle von Unternehmensgewinnen und Arbeitsplatz gefährdenden Wirtschaftssektoren haben wählen lassen, haben ihre Wahlslogans in den Koalitionsverträgen längst vergessen - und wettern gegen die „unverantwortlichen" Manager. Der dritte Schritt wagt die Zusammenführung und das Überschreiten: Denn das begrenzte Standort-Denken nicht weniger Bildungsprotestler (und noch mehr sporadisch Mitlaufender) sowie der „Arbeiter" von der Straße ist überschreitenswert. Forderungen nach einer Demokratisierung der Bildungseinrichtungen machen nur Sinn im Rahmen einer Forderung nach gesamtgesellschaftlicher Demokratisierung. Dies setzt jedoch ein Bildungskonzept voraus, das über die isolierte Organisation von Bildungseinrichtung (BA/MA, Freiräume, Mitbestimmungsrechte usw.) hinausgeht. Bildung in diesem Sinne meint das Lernen von der Wiege bis zur Bahre. Es zielt nicht nur auf die Vermittlung spezifischer Fertigkeiten (das auch), es zielt vor allem auf die Stärkung kognitiver Fähigkeiten: die Stärkung kritischer Urteilskraft und damit möglichst umfassender Reflexion der Determinanten des eigenen Handelns, der im Einzelnen und gesellschaftlich wirksamen Ideologeme (kulturell geprägtes, sozialisiertes, kurz: mit der Muttermilch aufgezogenes Wissen über die Welt). - Es gilt die Konstitutionsbedingungen des eigenen Denkens und der eigenen (sozialen) Umwelt an der Wurzel zu packen, zu verstehen und konstruktiv aufzuheben -, im dreifachen Sinne des Wortes: aufzulösen, kritisch zu wahren und weiterzuentwickeln, emporzuheben. Ob im Umgang mit Politik (Entstehung gesellschaftlich wirksamer Regeln), mit der Juristerei (Interpretation, Anwendung und (Um-)Prägung dieser Regeln) oder mit den Medien (perspektivierende Vermittlung von Regeln und Weltwissen). Das Nachvollziehen lokaler, nationaler und globaler Zusammenhänge verschafft mehr und neue Handlungsoptionen für Individuen und Kollektive. Fundamentale Bildung ist in diesem Sinne die notwendige Voraussetzung dafür, - soziale Konflikte erstens erkennen
- und zweitens friedlich austragen zu können;
- politische und ökonomische Strategien und Strategen insb. selbsternannter „Eliten" entlarven, ihr Handeln dekonstruieren und durch die Macht des Arguments auf der Straße kontrollieren zu können;
- gesellschaftliche Veränderungen folglich pluralistisch, partizipativ und (sich) selbstbewusst zu gestalten, und damit nicht zuletzt
- die Würde des Menschen (Art. 1 GG) achten und wahren zu lernen.
Als Lernende und Lehrende ist es darum unsere Aufgabe, uns als bereits gesellschaftlich und sozial Privilegierte zu analysieren, als diejenigen zu begreifen, die durch die Maschen der sozialen Selektion schlüpfen und die „Muse" zur Kopfarbeit (P. Bourdieu) sich - im wahrsten Sinne des Wortes - leisten können. Wer schon ab einem Alter von 16 Jahren 8-10 Stunden am Tag in der Werkstatt oder bei Wind und Wetter in der Grube und auf dem Feld steht, dem bleibt wenig Zeit und Energie, den Kopf (auf-) zu richten. Der hat wenig Verständnis für Proteste der jungen High Society. Allein, die Kopfarbeit ist auch Kopfarbeit, die nicht länger der Handarbeit gegenüber gestellt und ausgespielt werden darf. Hand- und Kopfarbeit müssen vielmehr als Einheit begriffen, ihre Akteure solidarisch im Kampf um eine demokratische Gesellschaft eintreten. Nur so lassen sich gesellschaftliche Bedingungen dahingehend verändern, dass (auch) zukünftige Generationen - gleich welchem Broterwerb sie im Einzelnen nachgehen und jenseits interessenbestimmter Grenzen - reflektiert auf Machtgefälle reagieren und zum Wohle einer Mehrheit der Bevölkerung wenden zu mögen. Denn die Konflikte um eine breite emanzipatorische und demokratische Bildung von heute sind die Arbeitskämpfe von morgen. Wer heute nicht lernt, was die Opelaner auf die Straße bewegt und die Lernenden auf die Barrikaden, der wird bald (oder bald schon wieder) sich selbst oder seine Kinder hilflos gegenüber Politikern, Managern und Rektoren trillern sehen. - Die beiden Notizen eingangs zeigen, dass diese (während des Bildungsstreiks allerdings nur begonnene und derzeit nicht weitergeführte) notwendige Verknüpfung der Bildungsproteste mit Forderungen nach gesamtgesellschaftlicher Demokratisierung gegenüber globalisierter Elite-, Macht- und Kapitalstrukturen noch lange nicht in den Köpfen der verschiedenen Akteure angekommen ist. Dies zu ändern ist unsere dringlichste Aufgabe - in Wort und Tat. Weitere Texte und Links zum Thema Demokratische Bildung unter: www.KritischeTheorie-hd.de
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