Kritische Wissenschaft
Die moderne Gesellschaft ist auf die moderne Wissenschaft angewiesen. Unbestritten. Aber wie das zwanzigste Jahrhundert demonstrierte und sich das einundzwanzigste Jahrhundert zu demonstrieren anschickt, ist hier das Modernste auch das Archaischste. Die moderne Wissenschaft bot bloß neue Mittel für den alten, überkommenen Zweck.
Um wirklich modern zu sein, um die modernen Mittel auch für einen modernen Zweck einzusetzen, reicht es also nicht, im Namen der Wissenschaft zu sprechen. Vielmehr gilt es, kritisch zu sein – nicht nur gegen den Gegenstand der Wissenschaft, sondern auch gegen die Wissenschaft selbst: Es ist eine Illusion, dass die Wissenschaft Erkenntnisse produziert, die sich gegenüber ihrer Anwendung neutral verhalten. Dass der Wissenschaftler eine vornehme Objektivität pflegt und die Anwendung seiner Erkenntnisse eine Frage der schmutzigen Hände des Technikers, Politikers, Lehrers oder Ingenieurs darstellt. Wissen wird nicht erst für Interessen verwendet. Es gilt vielmehr: erst das Interesse bringt Wissen hervor. Wo es kein Interesse gibt, da gibt es kein Fragen; und wo es kein Fragen gibt, da gibt es keine Antworten. Es gibt also keine Wissenschaft, die nicht schon immer einem Interesse dient. Kritische Wissenschaft besteht somit nicht in der Wahl, politisch zu sein, sondern in der Erkenntnis, dass man schon immer politisch ist, ja endlich darin, sich den Bedingungen dieser Existenzweise nicht passiv auszusetzen, sondern sie sich als verantwortliches Subjekt anzueignen. Die Frage ist nicht, ob man Interessen dienen will, sondern welchen Interessen man dienen will und wessen Interessen man dienen will. Soll dieses Interesse ein Interesse an einer Welt sein, in der die Menschen eine Heimat gefunden haben und einander in Freiheit und Solidarität als Gleiche begegnen können, so verlangt dies eine kritische Reflexion des Wissenschaftlers über sein eigenes Handeln. Es gilt, sich zu der Wissenschaft selbst in ein kritisches Verhältnis zu setzten: Wie die moderne Gesellschaft auf die Wissenschaft angewiesen ist, so ist eine moderne Zivilgesellschaft auf die Kritische Wissenschaft angewiesen.
Kritische WissenschaftlerInnen
Kritische Wissenschaft verlangt die Reflexion darüber, welchen Interessen man dient. Darüber, dass es Wissenschaft nur als wissenschaftliches Arbeiten gibt, als ein Handeln, das im sozialen Raum unter gesellschaftlichen Bedingungen statthat und somit schon immer politisch ist. Diese Reflexion stellt aber keinen Ausflug in die individuelle Psyche dar und auch keine religiöse Selbstprüfung. Sie ist keine heroische Leistung des Denkers, der sich über die Masse erhebt. Solche Vorstellungen sind noch immer einer Anschauung verhaftet, die das Individuum nur als Einzelnes, Vereinzeltes, kennt und der die Erkenntnis noch immer als interessenneutral gilt. Als erstes gilt es einzusehen, dass die Ziele der Wissenschaft als kollektivem Unterfangen nicht mit den Zielen übereinstimmen müssen, die der einzelne Wissenschaftler verfolgt. Der einzelne Wissenschaftler mag sich der Illusion hingeben, dass er der Wahrheit auf der Spur ist, dass er erforscht, ”was die Welt im Innersten zusammenhält“. Dann kann es ihm auch so scheinen, als ob seine Erkenntnis darüber erhaben sei, ob sie zum Gedeih oder zum Verderb der Menschheit eingesetzt wird. Aber so einfach ist die Sache nicht. Der Abwurf der Atombombe war fraglos ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber gereicht die Atomkraft der Menschheit zum Wohle? Die psychische Deformierung in Kaserne, Lager und Gefängnis stellt fraglos Einleitung ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Aber ist es so sicher, dass Schule und Psychiatrie ausserhalb dieser Reihe von Institutionen stehen? Kritische Wissenschaft besteht nicht darin, sich als moralische Instanz zu verstehen und als Einzelner über die Anwendung der Erkenntnis zu wachen. Sie verlangt vielmehr, hinter die Vorentscheidungen zurückzugehen, die jeglicher kollektiven Erkenntnisproduktion zugrundeliegen: den Begriff der Natur, der dem Unterfangen einer Naturwissenschaft zugrundeliegt; den Begriff des Menschen und seiner ”Natur“, der dem Unterfangen einer Erziehungswissenschaft und einer Psychiatrie zugrundeliegt etc. Diese Begriffe gilt es kritisch zu prüfen, d. h. in ihrer sozialen Problematik und Tragweite sichtbar zu machen. Es gilt zu hinterfragen, ob die Natur – d. h. die Natur, die uns umgibt, und gleichwohl auch die Natur, die wir als Menschen sind – wirklich nur eine Ressource wirtschaftlichen Wachstums und Gegenstand der Ausbeutung ist, als die sie die Wissenschaften implizit unterstellen.
Dies ist aber in keinem Sinne mehr ein vereinzelter Entschluss – nicht der eines einzelnen Wissenschaftlers oder der einer einzelnen Fachwissenschaft – sondern ein Unterfangen des Wissenschaftlers als gesellschaftlichem Wesen, der in seiner Person auf die Gesellschaft, der er dient, verweist.
Das Heidelberger Forum für kritische Theorie und Wissenschaft
Das Heidelberger Forum für kritische Theorie und Wissenschaft sieht seine Aufgabe in der Anregung, Förderung und Diskussion kritischen Denkens und kritischer Reflexion in unserer Gesellschaft. Nach Ansicht des Forums ist es heute – einer Zeit zunehmender Diskreditierung jeglicher gesellschaftskritischen Äußerungsansätze – wichtiger denn je, gerade dort systematisch zu fragen, wo ansonsten andere nur antworten. Kritische Theorie untersucht dabei Wissenschaften als gesellschaftsimmanente Entstehungsorte von Wissen und Denkstrukturen. Das Heidelberger Forum ist bestrebt, kritisches Denken innerhalb seines universitären Umfeldes und darüber hinaus theoretisch wie praktisch umzusetzen: in Form von Vortagsreihen, Seminaren und regelmäßigen Diskussionszirkeln sollen bereits bekannte Themen und Ansätze der kritischen Theorie aufgegriffen, rezipiert und weiterentwickelt werden.
Die Universität ist dabei als Ort kritischen Arbeitens bedroht. Die Schaffung von Eliteuniversitäten allein ist unseren Erachtens schon ein Irrweg, dem ein verfehlter Begriff von wissenschaftlicher Produktivität und Elite zugrundeliegt. Zudem zeigt sich immer unverblümter, dass die Universitäten gar nicht als Orte der Produktion einer wissenschaftlichen Elite, sondern der Reproduktion einer sozialen Elite dienen: die akademische Ausbildung stellt die letzte Etappe einer von Kindesalter an wirkenden sozialen Selektion dar, deren Mechanismen heute nur noch mutwillig übersehen werden können. Der ”exzellente“ Abschluss stellt in erster Linie eine Garantie des Fortbestands ererbter Privilegien dar. Während einige Bevorzugte in Zukunft auf vermeintlichen Eliteuniversitäten in ebenso vermeintlicher Freiheit forschen werden, kann sich der Rest der Studierenden auf mangelhaft ausgestatteten Lehruniversitäten gegen Bezahlung in gestrafften, zunehmend verschulten, die Freiheit des Denkens einengenden und letztlich unterbindenden Studiengängen zu den Technikraten, deren die Wirtschaft bedarf, zu unkritischen, loyalen und dienstfertigen Handlangern ausbilden lassen.
Dieser Entwicklung stellt sich das Heidelberger Forum entgegen, indem es einen Raum schafft für den kritischen, fächerübergreifenden, hierarchietranszendierenden und gesamtgesellschaftlich angelegten Diskurs – einen Diskurs, der den Lebensquell jeder Demokratie und jeder offenen, progressiven Gesellschaft bildet. Es ist das Ziel des Forums, ein Bewusstsein für Alternativen zu den vorgeblichen ”Sachzwängen“ in der gesellschaftlichen, universitären und persönlichen Entwicklung zu bilden, indem es bestehenden kritischen Ansätzen Gehör verschafft und zukünftigem kritischem Arbeiten als Basis dient. Durch Vernetzung und Koordination verschiedener kritischer Gruppen in Heidelberg und die Gründung eines Kuratoriums trägt das Forum zum infrastrukturellen Aufbau kritischer Wissenschaften bei. – Erst in der kritischen Wissenschaft wird die Wissenschaft wirklich wissenschaftlich, erst als kritische dient sie einer Gesellschaft, die wirklich modern ist, also nicht nur moderne Mittel einsetzt, sondern moderne Zwecke verfolgt.